Deportation und Vernichtung

Oft ist der Eintrag auf einer Deportationsliste das letzte Zeugnis vom Schicksal eines Menschen. Über sein Leiden und Sterben im Ghetto oder Lager gibt es nur selten konkrete Nachrichten. Der Großteil der österreichischen Jüdinnen und Juden wurde zwischen Frühjahr 1941 und Herbst 1942 deportiert. Die Transporte vom Herbst 1939 nach Nisko am San und des Jahres 1944 nach Theresienstadt und Auschwitz markieren Anfang und Ende der Ermordung von 310 St. Pöltner Jüdinnen und Juden. 

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Auschwitz

Insgesamt 18 jüdische Menschen aus St. Pölten und den Landgemeinden wurden nach Auschwitz deportiert, allerdings nicht direkt, sondern über Theresienstadt oder andere Ghettos und Lager. Vom französischen Sammellager Drancy gingen drei Transporte, in denen sich St. Pöltner befanden, in das Vernichtungslager, am 28. August, 9. September und 4. November 1942. Aus dem Lager Fossoli in Italien wurde das Ehepaar Adolf und Berta Berger mit dem Transport vom 16. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. 

Generalgouvernement (Distrikt Lublin)

Kielce
Zielorte der Deportationen in den Distrikt Lublin im sogenannten Generalgouvernement in Polen waren kleine Städte mit geringen Aufnahmekapazitäten. Durch schlechte Unterbringung, Kälte, Hunger und Seuchen stieg die Todesrate bereits in den ersten Monaten an. Im Frühjahr 1941 wurden vom Sammellager Wien 2, Castellezgasse 35 über den Aspangbahnhof etwa 5000 Juden und Jüdinnen deportiert: nach Opole am 15. und 26. Februar, nach Kielce am 19. Februar, nach Modliborzyce am 5. März und nach Lagow und Opatow am 12. März.  In jedem dieser Transporte befanden sich St. Pöltner/innen.  

Karl und Eliese Weinstein aus Markersdorf sowie ihre zehnjährige Tochter Lotti waren im Februar 1941 nach Kielce deportiert worden. Der ältere Sohn Hermann hatte sich nach Palästina retten können. Sie standen bis zu ihrem Tod in Briefkontakt mit ihrer früheren Nachbarin Amalia Brunner, die ihnen mit Lebensmittelsendungen half. Karl Weinstein schrieb an sie: 

»Sie hatten die große Liebenswürdigkeit, […] uns mit einem Liebesgabenpäckchen zu beehren, was natürlich die größte Freude bei uns ausgelöst hat. Trotz der langen Sendungsdauer war der Strudel noch so gut, als wie wenn er erst einige Tage alt wäre, und die größte Freude hat er der Lotti gebracht, da wir hier leider doch alles entbehren müssen. Unsere Lebensweise ist jetzt so bescheiden, daß wir Brot und Kartoffel schon für Leckerbissen ansehen und es oft vorkommt, daß wir den ganzen Tag keinen Bissen Brot haben. […] Wir sind im Februar von Wien weggefahren und mußten in ungeheizten Waggons ohne Licht zwei Tage und zwei Nächte bis hierher fahren. Ich mußte gleich bei Ankunft hier meine Frau ins Spital bringen, wo sie 5 Wochen verbrachte, und kann sich seither nicht erholen von den mitgemachten Strapazen.«  

Karl, Eliese und Lotti Weinstein kamen in Kielce um.

Einigen wenigen Personen gelang die illegale Rückkehr nach Wien, worauf die Arbeitsfähigen von der SS in Arbeitslagern eingesetzt wurden. Der Großteil der Deportierten wurde im Frühjahr und Sommer 1942 im Rahmen der »Aktion Reinhardt« in Belzec, Sobibor und Treblinka ermordet.  Nach Einstellung der Euthanasie in Deutschland im Herbst 1941 wurden die Gaskammern dort abgebaut und im Osten in verschiedenen Städten, darunter Lublin, wieder aufgebaut.  Im Frühjahr 1942 wurden die Deportationen in den Lubliner Distrikt neuerlich aufgenommen. St. Pöltner Juden befanden sich in den Transporten vom 9. April, 12. Mai und 5. Juni nach Izbica und in dem vom 27. April nach Wlodawa. Die Menschen dieser Transporte wurden im Sommer und Herbst in Belzec und Sobibor vergast oder im Lager Lublin, das später als KZ Majdanek bekannt wurde, zu Tode gebracht. 

Nisko am San
Die Deportationen nach Nisko waren die ersten Transporte von Juden aus Wien in den Osten.  Etwa 1600 Personen wurden in zwei Transporten deportiert, zumindest in dem vom 20. Oktober 1939 befanden sich St. Pöltner. Von diesen 1.600 wurden 198 in ein im Aufbau befindliches Barackenlager eingewiesen, der Rest wurde über die deutsch-sowjetische Demarkationslinie getrieben. Die Aktion wurde im April 1940 abgebrochen und etwa 200 jüdische Männer kehrten nach Wien zurück. Das Schicksal der über die Demarkationslinie Getriebenen ist bis auf einige Fälle ungeklärt.   

Litzmannstadt-Lodz
Am 30. September 1941 wurde der IKG Wien mitgeteilt, dass zwischen 15. Oktober und 3. November fünf Transporte mit je etwa tausend Personen nach Lodz gehen sollten.  St. Pöltner Juden befanden sich in den Zügen vom 23. Oktober, 28. Oktober und 2. November. Da die Lebensbedingungen sehr schlecht waren, galten viele der Deportierten bald als arbeitsunfähig und wurden ab Jänner 1942 in Chelmno/Kulmhof in Gaswägen ermordet. Auch die Großeltern von Hilde Fein, Wilhelm und Mathilde Gelb sowie Wilhelms Bruder Leopold aus Ratzersdorf, wurden von Wien aus am 23. 10. 1941 nach Lodz deportiert.

Frau Fein: »Naja, und eines Tages, wir sind ja immer herinnen [in Wien] gewesen, und haben sie besucht, die haben ja auch von irgendwas leben müssen, wir haben ihnen was gebracht, so gut’s halt gegangen ist – eines Tages sind wir halt gekommen und die Tür war versiegelt. Vorgedruckte Karten aus Litzmannstadt: Es geht mir gut, wir sind gesund. Reichsmark soundsoviele erhalten. Ich hab noch einen Erlagschein, wo wir ihnen Geld geschickt haben.«


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Haft im KZ-Lager

»Die Ankunft in Auschwitz-Birkenau war ein Schock, von dem wir uns lange nicht erholten. Die tägliche Routine war verheerend, mit stundenlangen Appellen, Abzählen, Strafestehen. Nach ungefähr einer Woche wurden Transporte zusammengestellt, nach gewissen Berufen eingeteilt, Tischler, Schlosser, Schweisser, Metallarbeiter – so wurde ich mit einer Gruppe von diesen Facharbeitern in das K.Z. Gleiwitz I transportiert, wo wir sofort zur Ausbesserungsarbeit an Frachtwaggons, von Bombenangriffen beschädigt, eingesetzt wurden. Rückblickend auf die ersten Tage in einem solchen ›Arbeitslager‹, geleitet von zwei bestialischen und heimtückischen SS Leuten – da war viel Verzweiflung, viel Schläge, besonders für die, die sich nicht sofort so gut zu schwerer körperlicher Arbeit anstellen konnten. Die waren nur da, uns zu demütigen, uns herabzusetzen, zu schinden und schikanieren. So manche brachen zusammen, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch fertiggemacht.« (Ernst Wulkan)

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Nur wenige Menschen kehrten aus den Konzentrationslagern zurück. Leo Holzer, Elly Kohn und Valerie Nagl überlebten Theresienstadt. Oskar Groß war ab Mai 1944 in Auschwitz inhaftiert. Im Februar 1945 gelang ihm aus dem KZ Groß-Rosen, Außenkommando Wüstegiersdorf, die Flucht und er konnte sich bis Kriegsende verstecken.

Kurt Sauerquell aus der St. Pöltner Familie Hoffmann war einer der 18 Überlebenden eines Transports von 1200 Deportierten nach Riga. Seine Mutter wurde sofort bei Ankunft erschossen. Er überlebte die Konzentrationslager Kaiserwald, Stutthof und Buchenwald. 

Ernst Wulkan und Walter Fantl Brumlik wurden über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und kehrten aus dem Außenlager Gleiwitz I zurück. Herta und Leopoldine Maurer waren in Theresienstadt inhaftiert und starben 1946 bzw. 1947, nur knapp über dreißig Jahre alt, an den Spätfolgen der Lagerhaft. weniger... ]

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