Ignaz Tintner
Ignaz, das vierte Kind von Löbl Gabriel und Rebekka Tintner, wurde am 31. Jänner 1834 in Austerlitz geboren. Im Geburtsbuch wurde er als Isak eingetragen, doch nannte er sich selbst Ignaz Isak, später nur noch Ignaz. Am 22. Februar 1866 heiratete er in Holitsch die dort geborene Kaufmannstochter Rosa Tausky. Zunächst ließ sich das junge Ehepaar in Austerlitz nieder, später zog es nach Brünn, wo sie gemeinsam als Trödler und Geldleiher arbeiteten. Bereits damals war ihr Geschäft umstritten: Zeitungen bezeichneten sie als „Wucherer“ und „Blutsauger“ und Ignaz wurde von der städtischen Gewerbebehörde zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er angeblich ein Versatzamt – also eine Pfandleihe – betrieb. Da es sich nicht um ein Gerichtsverfahren handelte, hatte er keine Möglichkeit zur Verteidigung, sodass unklar ist, ob die Vorwürfe zutrafen oder lediglich durch die rufschädigenden Zeitungsberichte genährt wurden. Rasch begann das Ehepaar mit Immobilien zu handeln. Rosa agierte hier eigenständig, kaufte Häuser und Grundstücke und bewies dabei großes Geschick.
Doch das Klima in Brünn war bereits antisemitisch aufgeladen und die Familie beschloss, in Wien eine neue Heimat zu suchen. Die Geburtsorte der Kinder verdeutlichen ihre Route: Klara und Leopold kamen noch in Austerlitz zur Welt, Arthur, Friedrich, Berta und Rudolf in Brünn und Alfons und Camilla schließlich in Wien. Anfangs lebten sie in einer Mietwohnung in der Taborstraße 72 im 2. Gemeindebezirk. Rosa kehrte nach Camillas zweitem Geburtstag wieder zur Arbeit zurück, kaufte Wohnungen, ließ sie renovieren und zog mit der Familie dort ein: zuerst in die Wipplingerstraße 45 im 1. Bezirk und anschließend in die Pragerstraße 10 im 3. Bezirk. Außerdem erwarb sie Grundstücke, auf denen sie Häuser errichten ließ: 1884 in der Volkertstraße 5–7, Blumauergasse 15 und 16 (alle im 2. Bezirk) sowie in Wien IX, D’Orsaygasse 5. 1886 stockte sie das Haus in der Kaunitzgasse 6 in Wien VI auf, und 1887 ließ sie in der Tandelmarktgasse 9 [später ändert sich die Hausnummer auf 11] in Wien II ein Mietshaus errichten, das die Familie selbst bezog. 1893 folgte eine Immobilie in der Alserbachstraße 6, Wien IX, und schließlich Anfang 1899 das Haus in der Igelgasse 22, der späteren Johann-Strauß-Gasse 22, in Wien IV, das zum neuen Stammsitz der Familie wurde. Dieses Haus war ein Mehrparteienhaus mit illustren Mietern: von einer Wahrsagerin über Diplomaten, Militärs, Architekten und Professoren bis hin zum berühmten und auch berüchtigten Industriellen Julius Koritschoner. Seine Tochter Giulia Hine, die hier aufwuchs, beschrieb Haus und Umgebung als großbürgerlich.1
Auffällig ist, dass die Zeitungen, wie zum Beispiel die „Architekten und Baumeister Zeitung“, stets Rosa namentlich nennen, Ignaz aber nicht. Ob er sich zu dieser Zeit überhaupt in Wien aufhielt, bleibt ungewiss. In „Lehmann’s allgemeiner Wohnungsanzeiger“ taucht er von 1890 bis 1894 nicht auf, während Rosa ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich eigenständig genannt wird – ungewöhnlich für verheiratete Frauen jener Zeit. Gleichzeitig veränderte sich Ignaz’ Selbstverständnis, was in den Badner Kurlisten deutlich wird: 1883 bezeichnet er sich noch als „Geschäftsmann“, 1894 als „Privatier“ und ab 1896 als „Hausbesitzer“ – auch in den Kurlisten fällt die Lücke in Ignaz’ Biographie auf.
Mit etwas Verzögerung beteiligte er sich ebenfalls am Immobiliengeschäft und erwarb Häuser in der Odeongasse im 2. Bezirk sowie in der Pressgasse im 4. Bezirk. Vor Beginn des Ersten Weltkriegs gehörten der Familie sechs Mietshäuser, teilweise bereits an Kinder und Enkelkinder übertragen. Innerhalb der Familie scherzte man, dass Wohnung und Hausanteile die Geschenke ersetzt hätten. In nur einer Generation stieg die Familie von mährischen Lumpenhändlern ins gehobene Wiener Bürgertum auf. Wie wohlhabend die Familie war, zeigte sich auch bei den Kriegsanleihen: Allein im November 1914 erwarb Ignaz Anleihen im heutigen Wert von fast 290.000 Euro (40.000 Kronen, laut historischen Währungsumrechner der Österreichischen Nationalbank damit ein Umrechnungsschlüssel von 1:7,24).
Religiös engagiert waren Ignaz und Rosa offenbar nicht. Sie beteiligten sich weder am Bau der neuen Synagoge in der nur wenige Gehminuten von ihrem Haus in der Johann-Strauß-Gasse entfernten Siebenbrunnengasse noch an dem – mit der Familie Rothschild doch sehr prominent besetzten – Israelitischen Frauenwohltätigkeitsverein für die Bezirke Wieden und Margareten, oder an irgendeiner anderen dem Judentum zurechenbaren Organisation. Sie unterstützten jedoch andere wohltätige Vereine, darunter den Invalidenfonds, das Rote Kreuz, das städtische Taubstummeninstitut und weitere. Ihre Verbundenheit zum Staat zeigte sich ebenfalls: Alle Söhne und Schwiegersöhne dienten im Ersten Weltkrieg, einige davon hochdekoriert.
Im ersten Kriegswinter erkrankte Rosa an einer Lungen- und Rippenfellentzündung, der sie „nach schwerem, kurzem Leiden in ihrem 70. Lebensjahre“ am 19. März 1915 erlag. Ignaz, inzwischen über 80 Jahre alt, zog sich vollständig aus dem Geschäftsleben zurück und verbrachte, wie zahlreiche Familienaufnahmen zeigen, seine Zeit bevorzugt mit den Enkelkindern. Er verstarb im Alter von 92 Jahren in der Familienwohnung in der Johann-Strauß-Gasse und wurde im selben Grab wie seine Frau am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Sohn Friedrich ließ einen besonders imposanten Grabstein aufstellen.
1Susanne WOLFF, Meine sogenannte Emigration. In: Renate MEISSNER (Hg.), Erinnerungen. Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus, Bd. 3, Exil in Afrika. Wien 2013, S. 148–206, hier S. 150.
