Das Tagebuch

Rudolf Tintners Tagebuch besteht aus zwei kleinen, etwa Din-A5-großen Heftchen, die mit Bleistift beschrieben wurden. Zwischen dem 12. April 1944 und dem 9. Jänner 1945 wurde beinahe jeder Tag darin protokolliert. In 274 Einträgen werden 251 singuläre Ereignisse geschildert, 125 Personen namentlich genannt und 54 Orte erwähnt. Es handelt sich um ein ungewöhnliches Ego-Dokument, da das Ich des Schreibers aufgrund seines kühlen und distanzierten Stils kaum greifbar ist. Die meisten Einträge bestehen aus stichwortartigen Aufzählungen, die stets demselben Muster folgen: Datum, Wetter, verteilte Nahrung, Arbeitsaufträge, besondere Vorkommnisse, Abendessen, und mit fortlaufenden Nummern die erhaltenen Pakete. Die Informationsdichte des Tagebuchs ist hoch. Die beschriebenen Ereignisse stimmen mit anderen Quellen zu Theresienstadt überein, sodass seine Glaubwürdigkeit außer Frage steht.
Dank des Tagebuchs lassen sich präzise Angaben zur tatsächlichen Ernährungssituation machen: In Theresienstadt sollten „privilegierte“, arbeitende Häftlinge 1.800 Kalorien erhalten, in den „Mitteilungen der jüdischen Selbstverwaltung“ wurden entsprechende Kalorientabellen veröffentlicht. Rudolf Tintner wog seine Mahlzeiten und dokumentierte sie penibel, wodurch nach- vollzogen werden kann, dass er durchschnittlich nicht einmal 700 Kalorien pro Tag aus den Lagerküchen bekam.
Ein weiteres zentrales Thema des Tagebuchs sind die detaillierten Aufzeichnungen der lokalen Fliegeralarme. Diese verdeutlichen, wie stark auch das Lagersystem der Nationalsozialisten in das Kriegsgeschehen eingebunden war. So lassen sich beispielsweise die amerikanischen Vormärsche in Italien nachvollziehen: Durch die Landnahmen wurden auch Flugplätze erobert, wodurch sich die Reichweite der alliierten Luftstreitkräfte erheblich vergrößerte. Zuvor schwer erreichbare Ziele wie die Kriegsindustrie in Sachsen und Thüringen sowie die Petrochemie in Brüx oder die Rüstungsproduktion in Leitmeritz waren nun im Visier alliierter Bomber. Neben den Luftangriffen, die in den Logbüchern der britischen und amerikanischen Streitkräfte dokumentiert und mittlerweile online verfügbar sind, war der Krieg in den Gerüchten, die im Lager kursierten, dauerhaft präsent und hatte auch Auswirkungen auf Tintners Arbeitstätigkeit. Nach den Renovierungsarbeiten für den Besuch der Internationalen Kommission und den Dreharbeiten zum Propagandafilm änderten sich seine Aufgaben abrupt: Plötzlich wurden Wehranlagen errichtet, Luftschutzkeller etabliert und die Umfassungsmauer verstärkt. Die angespannte Lage zeigte sich auch an der gestiegenen Berichtspflicht und den zunehmenden Kontrollen durch die SS, insbesondere durch Obersturmführer Richard Tschirner. Im Jänner 1945 wurden schließlich die Festungsanlagen weiter ausgebaut und Schießplätze zur Verteidigung eingerichtet.
Über seine Wohnsituation schreibt Tintner nur wenig. Eine Ausnahme bildet der Umzug in die Lange Straße 9, wo er ein neues Büro bezog. Selbst bei der „Entwesung“, für die der gesamte Block vorübergehend umziehen musste, geht er nicht näher auf die Räumlichkeiten ein – er konnte als „Privilegierter“ in eine andere Kaserne wechseln. Seine Angst vor einer möglichen Deportation ist spürbar, insbesondere nachdem er zweimal registriert wurde: zuerst als mit einer Nichtjüdin Verheirateter und später ein zweites Mal als Militärangehöriger. Mehrmals beobachtete er das Geschehen in der sogenannten Schleuse, wo die Züge mit den Deportierten ankamen und abfuhren – ein Bereich, in dem sich normalerweise niemand ohne ausdrückliche Erlaubnis aufhalten durfte. Auch dies zeigt seine „privilegierte“ Stellung. Seine Aufzeichnungen bieten einen detailreichen Einblick in die chaotischen Abläufe der Deportationen: Menschen wurden für den Transport einberufen, kehrten aber wieder zurück, Züge wurden verschoben und fuhren schließlich zu völlig anderen Zeiten ab.
Lange Zeit schien Tintner aufgrund seiner beruflichen Stellung sicher, doch mit den Massentransporten im Oktober 1944 schwand diese Sicherheit. Die Deportationen hatten aber auch Auswirkungen auf seinen Arbeitsalltag – Besprechungen wurden aufgrund von Abfahrten abgesagt oder verschoben. Gleichzeitig schrieb er zunehmend weniger über seine Tätigkeit, oft nur noch ein einziges Wort, wie an den ersten beiden Novembertagen, an denen er lediglich „Urnen“ notiert. Dies weist darauf hin, dass er an der Räumung des Kolumbariums beteiligt war, bei der die Asche der Verstorbenen in die Eger geschüttet wurde – eine Aufgabe, die in der Literatur bisher Kindern zugeschrieben worden war.
Das Tagebuch Rudolf Tintners ermöglicht es, eine Reihe offener Fragen über Theresienstadt zu beantworten, und wird auch in Zukunft eine zentrale Quelle für wissenschaftliche Fragestellungen sein.
Zur Edition
Die Transkription folgt dem Original und gibt daher die Worte in Tintners unterschiedlichen Schreibweisen wieder. Direkt aufeinanderfolgende Wortdoppelungen meist von Speisen und Getränken (z. B. Kaffee, Kaffee) bedeuten wohl den zweimaligen Erhalt derselben. Abgekürzte Worte werden in eckiger Klammer ergänzt. Unleserliche Buchstaben oder Worte werden mit Fragezeichen in eckigen Klammern angemerkt. Zum besseren Verständnis werden, wo nötig, Beistriche eingefügt. Die Zählangaben für die erhaltenen Pakete werden wie im Original wiedergegeben – er startet die Nummerierung zweimal neu, am 22. November 1944 mit dem zweiten Heft und zu Beginn des Jahres 1945. Das Tagebuch wird in monatliche Abschnitte geteilt und diese einleitend jeweils unter der Überschrift „Europa“ nach den Kriegs- und Verfolgungsereignissen in diesem Monat, unter „Lokal“ nach der aktuellen Situation in Theresienstadt und unter „Tagebuch Inhalt“ nach persönlichen Lebens umständen von Rudolf Tintner kontextualisiert. Des Weiteren werden die genannten Personen und Orte aufgelistet. Austriazismen und veraltete Begriffe werden im Glossar erklärt.
