Theresienstadt

Unter den Habsburgern

Im Ersten Weltkrieg

In der Zwischenkriegszeit

Unter deutscher Besatzung

„Die Vorhölle der Gaskammer“ oder das „erlogene Paradies“

Transporte

Terror und Hunger

Die Verschönerungsaktion

Aufllösung


 

Unter den Habsburgern

Als Folge der Kriege Österreichs mit Preußen um Schlesien unter seiner Mutter Maria Theresia plante Josef II. ab 1780 die Errichtung der beiden Zwillingsfestungen Theresienstadt und Josefstadt, um weiteren Angriffen Preußens militärisch wirksamer begegnen zu können. Theresienstadt,1 nach seiner Mutter benannt, entstand auf halbem Weg zwischen Prag und Dresden, während Josefstadt, nach ihm selbst benannt, ungefähr auf halber Strecke zwischen Prag und Kattowitz liegt. Beide Festungen wurden an der Elbe errichtet und entstanden in einer Zeit, in der Mathematik und Geometrie in der Architektur eine neue Bedeutung erlangten und die moderne Ingenieurbaukunst ihren Anfang nahm, insbesondere im Wasserbau und in der Hydraulik. Dieses Wissen wurde vor allem von den neu geschaffenen Geniekorps, den Vorläufern der Pioniere, umgesetzt. Der Feldzeugmeister und Generalgeniedirektor Graf Karl von Pellegrini (1720 Verona – 1796 Wien) plante die beiden Festungen nach den modernsten Erkenntnissen der Fortifikationskunst auf Basis geo­metrischer, mathematischer und statistischer Daten.

Graf Karl von Pellegrini
Graf Karl von Pellegrini, Quelle: Österreichische Nationalbibliothek

In Theresienstadt entstand auf einem geräumten Feld eine in sich geschlossene Zitadelle, vor der große, flutbare Freiflächen lagen – die Große Festung oder Garnisonsstadt. Die Anlage hat eine achteckige Form mit 380 Metern Seitenlänge und folgt dem Prinzip des steten Gegenspiels von Kavalier und Ravelin, jenen Schutz- und Wehrbauten, die diesen beiden Festungen ihre charakteristische Sternform geben. Die Festungswälle selbst sind 14 Meter hoch, aber von außen nahezu unsichtbar in die Landschaft eingebettet. Innerhalb der äußeren Verteidigungslinien entstand ein System aus Kesseln und Gräben, das im Bedarfsfall ebenfalls geflutet werden konnte. Darunter verläuft ein unterirdisches Gangsystem von 28 Kilometern Länge.

Grundriss Theresienstadt
Grundriss Theresienstadt, Quelle: Österreichische Nationalbibliothek

Bis 1790 wurden alle militärischen Gebäude fertiggestellt: die Genie-, Infanterie-, Artillerie- und Kavalleriekaserne, ein Zeughaus, ein Garnisonsspital, die Proviantur, eine Bäckerei sowie das Kommandantenhaus. Ergänzt wurden diese in der Folge durch die Garnisonskirche, ein Schul- und Priesterhaus, ein Bräuhaus und öffentliche Grünflächen. Später kamen noch das Rathaus mit Theatersaal, die Post und Privathäuser dazu, die insbesondere nach dem Stadtbrand von Böhmisch Leipa(ch) starken Zuwachs erfuhren. Alle Gebäude waren an ein unterirdisches Kanalsystem angeschlossen, in allen Höfen existierten gebohrte Brunnen. Auffällig ist in der Anfangszeit das Fehlen eines Friedhofs.

Auf der anderen Seite der Eger lag die sogenannte Kleine Festung, die nach dem gleichen Muster konzipiert war. Ursprünglich als vorgelagerter Wachposten gedacht, wurde sie ab dem frühen 19. Jahrhundert auch als Gefängnis genutzt – zunächst als Militärstrafanstalt, später aber zunehmend für politische Häftlinge. Zu den bekanntesten Insassen zählte Gavrilo Princip, der Mörder von Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie.2

Die Verhaftung Gavrilo Princips
Die Verhaftung von Gavrilo Princip, Quelle: Österreichische Nationalbibliothek

Obwohl Theresienstadt für große Schlachten ausgelegt war, wurde es nie zum Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen. Während der Schlacht von Königgrätz marschierten die preußischen Truppen einfach an der Festung vorbei. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs verlor sie weiter an Bedeutung. 1888 wurde der Festungsstatus aufgehoben und die Verwaltung zivilen Behörden übergeben. Die Kasernen wurden sukzessive aufgegeben, sodass kurz vor dem Ersten Weltkrieg nur noch die Infanteriekaserne und die Kleine Festung militärisch genutzt wurden.3

Gleichzeitig wurde die Stadt für die Zivilbevölkerung geöffnet: 1826 lebten hier 540 Einwohner:innen, 1830 bereits etwa tausend, und 1910 waren es 3.500. Noch vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert stellten die Tschech:innen die Mehrheit in der Stadt, und selbst die deutschen Namen verblassten zunehmend. Ein Zeichen dafür war beispielsweise die Umbenennung des „deutschen Fortschritts- und Lesevereins“ in den Verein „Concordia“ im Jahr 1874, um, wie es hieß, „nicht Zwiespalt in der Bürgerschaft hervorzurufen. Es ist kein Boden für den Deutschen.“

 

Im Ersten Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg spielte die Garnisonsstadt keine bedeutende Rolle, da sich die Technik der Kriegsführung wesentlich verändert hatte. Zudem war der ehemalige Feind, gegen den die Festung ursprünglich errichtet worden war, nun der wichtigste Alliierte. Theresienstadt diente daher hauptsächlich als Verschubstation von Material.

Anders verhielt es sich mit der Kleinen Festung, in der neben politischen Häftlingen auch „Kriegsgefangene“ untergebracht waren, die die Leitmeritzer Zeitung treffender als „Kriegssträflinge“ bezeichnete. So befanden sich mehr als 1.000 Ruthenen – heute als Ukrainer bekannt – gleichsam präventiv inhaftiert, weil man ihnen „Russophilie“ oder „Vaterlandsverrat“ unterstellte. Sie wurden von keinem Gericht verurteilt, waren keine Soldaten oder Freischärler, sondern wurden lediglich aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und Sprache festgesetzt.4 Im Gegensatz zum Kriegsgefangenenlager Graz/Thalerhof5 ist das Schicksal der Ruthenen in Theresienstadt bis heute kaum aufgearbeitet. Eine weitere große Gruppe der „Kriegssträflinge“ bestand aus 560 Soldaten des k. u. k. Schützenregiments Nr. 7 aus Pilsen, die am Rumburger Aufstand beteiligt gewesen waren. Dabei handelte es sich größtenteils um Tschechen, die aus der russischen Kriegsgefangenschaft heimgekehrt waren und zwangsweise wiedereingegliedert werden sollten. Am 21. Mai 1918 verweigerten sie jedoch ihren Dienst. Aus diesem Protest gegen die erneute Einberufung entwickelte sich eine offene Rebellion gegen die Monarchie. Sie attackierten ihre Vorgesetzten, besetzten die nordböhmische Stadt Rumburg und versuchten, andere tschechisch-nationale Soldaten zur Unterstützung zu mobilisieren. Beim Marsch auf Haida wurden sie von loyalen Truppen umzingelt und besiegt. Die zehn Anführer wurden zum Tode verurteilt und erschossen, während der größte Teil der festgesetzten Soldaten bis Kriegsende in der Kleinen Festung inhaftiert blieb. Dieser Aufstand wurde von der Zensur vollständig verschwiegen.6

Kleine Festung
Kleine Festung Theresienstadt, Quelle: Get Archive

Die bedeutendste Funktion während des Ersten Weltkriegs kam jedoch dem „Retrachment“ zu, der Fläche zwischen Garnisonsstadt und Kleiner Festung. Im Kriegsfall hätten hier bis zu 60.000 österreichische Soldaten kampieren und versorgt werden können, doch trat dieser Fall, wie erwähnt, nie ein. Ab spätestens 1916 wurden auf diesem Areal ärmliche Baracken errichtet, in denen hauptsächlich italienische und russische Kriegsgefangene interniert wurden. Der Standort war ideal, da er weit genug von allen Kampfgebieten entfernt lag, über eine nahe Bahnverbindung verfügte und durch die Eger sowie die Festungswälle natürlich begrenzt war, sodass nur wenige Wachmannschaften erforderlich waren.

1917/18 waren die Ernten in Böhmen katastrophal – alleine beim Weizen gab es einen Rückgang von 58,6%,7 sodass die Brotration halbiert wurde und schließlich eine Hungersnot ausbrach. Zusätzlich breitete sich die Grippe aus, die in der Garnisonsstadt täglich etwa 20 Todesopfer forderte. Noch viel schlimmer traf es die Inhaftierten der Kleinen Festung und des Kriegsgefangenenlagers.

Spätestens ab dem Sommer 1918 zeichnete sich das Ende der Monarchie immer deutlicher ab. Zahlreiche Soldaten desertierten, selbst Teile der Theresienstädter Wachmannschaften setzten sich ab, während anderswo übereifrige Soldaten, Polizisten und Volkswehr-Angehörige „Verdächtige“ verhafteten und in der Kleinen Festung oder im Kriegsgefangenenlager inhaftierten. Dazu gehörten österreichische Deserteure, gewöhnliche Kriminelle, politische beziehungsweise Volksgruppen-Vertreter, mutmaßliche Bolschewisten und/oder Zionisten, etwa 500 slowakische, deutsche und ungarische Reserveoffiziere, 420 ungarische Offiziere plus 40 Geiseln sowie 852 ungarische Eisenbahner, die in Preßburg eine Räterepublik ausgerufen hatten. Das Kriegsgefangenenlager war damit völlig überfüllt, anstelle militärischer Ordnung herrschte absolutes Chaos. Aufgrund der mangelnden Bewachung flohen ständig Gefangene, während andere, die zu geschwächt waren, an Hunger und Seuchen starben. Zeitzeugen berichteten von „fürchterlichen Zustände[n] […], die an die berüchtigten Gräuel im Lager zu Thalerhofe unter dem österreichischen Regime erinnern“.

Am 2. November 1918 übernahmen tschechische Offiziere und Soldaten in der Garnisonsstadt das Stadtkommando, das Rathaus und das Militär­magazin und bekannten sich zum tschechoslowakischen Staat. Auch wenn dieser Machtwechsel ohne Gewalt ablief, floh ein großer Teil der deutschsprachigen Bevölkerung über die Elbe. Sämtliche Gefangene aus dem Garnisonsarrest, dem Kriegsgefangenenlager und der Kleinen Festung wurden unabhängig vom Grund der Inhaftierung befreit. Doch schon wenige Tage später trafen neue Häftlinge in der Kleinen Festung ein: vor allem prominente und/oder heikle politische Fälle, darunter ein österreichisch-tschechischer Strafrichter, der während des Krieges besonders viele tschechoslowakische Überläufer und Deserteure zum Tode verurteilt hatte.

tschechoslowakische InfanteriekaserneTheresienstadt
Tschechoslowakische Infanteriekaserne Theresienstadt, Quelle: Smart Guide

Theresienstadt entwickelte sich in dieser Zeit zu einem zentralen Ort der tschechoslowakischen Staatsbildung in Nordböhmen. Die zivile Stadtverwaltung ging friedlich in tschechische Hände über, tschechisch-sprachige Offiziere und Soldaten übernahmen das ehemalige k. u. k. Infanterieregiment und wandelten es in eine tschechoslowakische Einheit um, die als Ordnungsmacht in der Region fungierte. Zudem befand sich hier das größte Sprengstofflager des Landes und sämtliche Lebensmittel der Region wurden in Theresienstadt zusammengeführt, von Soldaten geschützt und geordnet verteilt.
Viele der deutschsprachigen Bewohner verließen die Stadt nun endgültig, da sie österreichische Militärangehörige und Beamte waren und ihre Zukunft mit ihren Familien im neugegründeten Deutsch-Österreich sahen. Eine Durchsicht der Zeitungsannoncen, insbesondere in der teils offensiv anti-tschechischen Leitmeritzer Zeitung, zeigt, dass es sich nicht um erzwungene Vertreibungen handelte. „Anlässlich meines Scheidens von Theresienstadt sage ich, da es mir nicht möglich war, mich persönlich zu verabschieden, allen meinen Freunden und Bekannten auf diesem Wege ein herzliches Lebewohl!“ In den Todesanzeigen der Zwischenkriegszeit sieht man deutlich, dass nicht die gesamte deutschsprachige Bevölkerung abgewandert war und vor allem überregional agierende Händler weiterhin in der Stadt lebten.

 

In der Zwischenkriegszeit

In der Zwischenkriegszeit entwickelte sich Theresienstadt weiter, insbesondere industriell. Hier wurden modernste Desinfektionsgeräte produziert, zudem siedelte sich die Pharma- und Kunstseide-Industrie an. Die in The­resien stadt hergestellte Kunstseide wurde unter anderem in den Glanzstoffwerken in St. Pölten weiterverarbeitet.8 Der Produktionsstandort war wirtschaftlich günstig, da er näher an Dresden als an Prag lag und so eine prosperierende Wirtschaftsentwicklung ermöglichte.

Die Kleine Festung wurde allmählich wieder zu einem fast reinen Militärgefängnis für bis zu 400 Insassen mit Strafen unter einem Jahr. Die Zeiten als Hochsicherheitsgefängnis waren damit vorbei. Obwohl in Theresienstadt die ersten Einberufungen in die tschechoslowakische Armee überhaupt stattfanden, nahm die militärische Bedeutung der Stadt rasant ab: 1925 wurden das Divisionsgericht und die Militärprokuratur aufgelöst, ein Jahr später begann die Schleifung von Teilen der Festung. Die beiden Haupttore wurden entfernt und die davorliegenden Gräben zugeschüttet. Ursprünglich hätten alle Verteidigungsbauten rückgebaut werden sollen, doch widersprach das Denkmalamt. Wenig später setzte sich die tschechoslowakische Regierung allerdings über den Denkmalschutz hinweg und verkündete abermals die Schleifung der gesamten Anlage, wobei als erstes die Redouten, kleine vorgelagerte Befestigungswerke, und die Kasematten, also eingewölbte Schutzräume innerhalb der Befestigungsanlage, entfernt werden sollten. Dieser Plan wurde jedoch nie umgesetzt. Theresienstadt war zudem ein soziales Experimentierfeld: hier wurde eine Erziehungs- und Besserungsanstalt für Mädchen auf Basis modernster psychologischer Erkenntnisse eröffnet, später entstand ein „Jugend-Versuchsarbeitslager“. Dieses Jugendlager, das vom Ministerium für soziale Fürsorge betrieben wurde, bot 120 freiwilligen jungen Männern neben einer Berufsausbildung – vor allem im Straßenbau – auch Verpflegung und Unterbringung, Kleidung, körperliche Übungen, Sport und Wissensvermittlung an. In wirtschaftlich äußerst prekären Zeiten stellte dies einen erheblichen Anreiz dar, sodass die Anmeldungen die freien Plätze um ein Vielfaches überstiegen. Die inhaltliche Ausrichtung der Weiterbildung dürfte vom örtlichen Sokol – einem tschechisch-nationalen Sport- und Gemeinschaftsverein – übernommen worden sein. Dieser hatte zuvor in unmittelbarer Nähe, auf dem zugeschütteten Graben, sein neues Vereinsheim, die Sokolowna, eröffnet.

Sokolowna Theresienstadt
Solowna Theresienstadt, Quelle: aukro.cz

International wurde Theresienstadt Anfang der 1930er Jahre wieder beachtet, als die Gefängniszelle Gavrilo Princips pseudo-museal mit Gedenktafel adaptiert und die Straße zwischen Garnisonsstadt und Kleiner Festung in Princip-Allee umbenannt wurde. Das offizielle Österreich protestierte heftig, berief den tschechoslowakischen Botschafter ein und es kam zu einer Inter­ pellation im Prager Parlament. Doch Außenminister Edvard Beneš wies jeg­liche Ein­mischung zurück. Allerdings verschwanden kurze Zeit später die Erinnerungs­zeichen still und heimlich wieder.

 

Unter deutscher Besatzung

Infolge des Münchner Abkommens besetzten deutsche Truppen das „Sudetenland“, wodurch die deutsche Grenze nun nur noch wenige Kilometer von Theresienstadt entfernt lag. Propagandistisch war die Stadt bereits heiß umkämpft: Meldungen tauchten auf, dass in der Kleinen Festung, die damals, wie erwähnt, primär ein Militärgefängnis war, „zahlreiche Sudetendeutsche wegen ihres Bekenntnisses zum Deutschtum“ inhaftiert seien. Aus diesem Grund wurde das Gefängnis am 7. November 1938 aufgelöst. Als im „friedlichen Krieg“ die „Rest-Tschechei“ nicht einmal ein Jahr später annektiert wurde, übernahm die Wehrmacht Theresienstadt. Es gab keine Begrüßung, keine Fahnen und kein „Heil Hitler“ – aber „man hörte auch kein schlechtes Wort“.

Münchner Abkommen
Gebietserweiterung NS-Deutschlands 1938/39, Quelle: Geschichte kompakt

Im Sommer 1939 wurde schließlich die endgültige Auflassung des Gefängnisses in der Kleinen Festung verkündet. Die Wehrmacht bezog die alte Infanteriekaserne in der Garnisonsstadt und lebte dort zwischen 1939 und 1941 inmitten der Häuser der Einheimischen. Die Kleine Festung wurde reaktiviert und ab dem 14. Juni 1940 als „Polizeigefängnis“ genutzt – sie war aber stets vollständig autonom von der Garnisonsstadt.

Kaum ein Haus im Ghetto behielt im Laufe der Zeit seine ursprüngliche Funktion, ganz zu schweigen von seiner Adresse. Am 1. Juli 1942 wurden die Straßennamen offiziell durch Buchstaben ersetzt, die Blöcke erhielten römische, die Privathäuser arabische Ziffern. Wann die Namen für die Kasernen – Magdeburger, Dresdner, Hohenelber, Aussiger u. a. – eingeführt wurden, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen. Manche Quellen datieren sie auf die Wehrmachtszeit 1939–1941, während andere, darunter auch die „Selbstverwaltung“, sie erst mit dem Beginn der sogenannten „Verschönerungs­aktion“ nennen. Manche Gebäude, wie das Brauhaus, behielten ihren deutschen Namen sogar über die Zwischenkriegs- und Ghetto-Zeit hinweg, obwohl dort mittlerweile eine maschinelle Tischlerei untergebracht war.

 

„Die Vorhölle der Gaskammer“ oder das „erlogene Paradies“

Ähnlich wie zuvor schon in Österreich wurden nun auch im „Protektorat Böhmen und Mähren“ die von den Nationalsozialisten als jüdisch definierten Personen entrechtet, beraubt und vertrieben. Bis zum Juni 1941 sank deren Zahl von knapp 120.0009 auf nur noch 88.686.10

Dr. Jakob Edelstein
Dr. Jakob Edelstein, Quelle: WikiMedia

Im Sommer 1941 beauftragte das „Zentralamt für jüdische Auswanderung“ in Prag den Leiter des „Palästinaamtes“ bei der Jüdischen Kultusgemeinde Prag, Dr. Jakob Edelstein, mit der Gründung der „Abteilung G“, die Pläne für ein Ghetto ausarbeiten sollte. Im Oktober 1941 erhielt SS-Hauptsturmführer Dr. Siegfried Seidl vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin schließlich den Auftrag, in Theresienstadt ein solches für die böhmischen und mährischen Jüdinnen und Juden zu errichten. Die Geschichte des Ghettos Theresienstadt begann mit einer Täuschung: Dr. Edelstein wurde der Eindruck vermittelt, dass es sich um „ihr Lager“,11 ihren „Siedlungsort“12 handelte, der unter jüdischer Verwaltung stünde. Tatsächlich behielt jedoch stets die SS die Herrschaft und Kontrolle.

Dr. Siegfried Seidl
Dr. Siegfried Seidl, Quelle: WikiMedia

Im Prozess gegen Siegfried Seidl 1946/47 hieß es: „‚Die sogenannte jüdische Selbstverwaltung in Theresienstadt war ein Schwindel.‘ Jene Selbstverwaltung, auf die Seidl die Verantwortung abladen will: selbst die Auswahl für die Verschickung will er dem jüdischen Ältestenrat überlassen haben. ‚Sie haben nach meiner Weisung in Bezug auf Straffälle diese oder jene Straffälligen einteilen können.‘ lügt er – ‚Können oder müssen?‘, fragt der Staatsanwalt. ‚Müssen‘, gibt Seidl dann doch zu.“

Am 24. November 1941 erreichte das erste „Aufbaukommando“, bestehend aus 324 meist jungen Männern mit handwerklicher Ausbildung, die Festungsanlage. Obwohl ihnen versprochen worden war, dass sie freie Handwerker sein würden, waren sie die ersten Häftlinge im Ghetto von Theresienstadt. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, die teilweise seit Jahrzehnten leerstehenden Kasernen instand zu setzen, um tausende Menschen unterbringen zu können. Eine Woche später folgte das zweite „Aufbaukommando“ und nochmals eine Woche später trafen 22 Mitglieder des jüdischen „Ältestenrats“ ein. Bereits für diese drei Transporte gab es weder ausreichend Schlafplätze noch genügend Verpflegung. Dennoch folgten in kurzen Abständen immer mehr Transporte: bereits Ende des Jahres 1941 waren hier 7.365 Häftlinge inhaftiert. Ab Dezember 1941 wurden Männer und Frauen getrennt untergebracht.

Theresienstadt war niemals als „Siedlungsort“ gedacht, sondern als Sammel- und Durchgangslager für die Vernichtungslager im Osten. Parallel zu den Transporten nach Theresienstadt fuhren Deportationszüge aus den größeren tschechischen Städten direkt nach Lodz, Minsk, Chelmno und Ujazdow bei Lublin. Insgesamt überlebten nur ca. 3.000 als Jüdinnen und Juden Verfolgte aus dem „Protektorat Böhmen und Mähren“ den nationalsozialistischen Terror. Während die Transportziele „Osten“ oder „Polen“ Panik auslösten, galt Theresienstadt als vermeintlich sicherer Zielort: „Man spricht von Theresienstadt und das erscheint fast wie eine Hoffnung.“ Die Propaganda zeigte von Anfang an Wirkung auf allen Ebenen. In den ersten Entwürfen für die Struktur der „Selbstverwaltung“ war sogar noch ein „Verkehrsbüro“ vorgesehen.13

Anfangs wurden die Häftlinge ausschließlich in den Kasernen untergebracht, von denen jede einen eigenen Mikrokosmos darstellte. Es fehlte an allem: an Möbeln, Betten, an Matratzen – nicht einmal Strohsäcke waren vorhanden, sodass die Menschen auf dem nackten Boden schlafen mussten. Die Versorgung mit Lebensmitteln war unzureichend, da es weder genügend Kochstellen noch Kochgeschirr gab. Trotz dieser widrigen Umstände entstanden binnen kürzester Zeit im gesamten Ghetto Betriebe: für die Landwirtschaft, Schlossereien, Tischlereien, eine Glaserei, Schusterwerkstätten, eine kleine Kartonagenfabrik etc. Dr. Jakob Edelstein, der erste „Judenälteste“, war überzeugt – oder hoffte zumindest –, dass durch diese Arbeit die Häftlinge vor dem Tod bewahrt werden könnten.

Frauen-Kaserne, Theresienstadt
Frauen-Kaserne Theresienstadt, Quelle: WikiMedia

Die katastrophalen Lebensbedingungen, die in manchen Zeitzeugenberichten im Vergleich zu dem, was noch folgen sollte, als „sehr erträglich“14 beschrieben wurden, führten binnen kürzester Zeit zu Epidemien, die das gesamte Bestehen des Ghettos prägten. Die erste Welle war Scharlach bereits im Jänner 1942, gefolgt von Typhus, Diphterie, Masern und Gelbsucht. Doch am Schlimmsten wütete Tuberkulose, die bis zur Räumung des Ghettos Ende August 1945 – also fast vier Monate nach der Befreiung – neben Erschöpfung, Mangelkrankheiten und Hunger eine der wesentlichsten Todesursachen war.

Anfang 1942 kam es in Theresienstadt zu grundlegenden Veränderungen: am 9. Jänner fuhr der erste Transport in den Osten nach Riga ab – es war der erste und einzige Zug, bei dem das Ziel offen genannt wurde. Von den 1.000 Deportierten wurden 897 Menschen ermordet. Die zweite zentrale Entwicklung war die bei der Wannsee-Konferenz beschlossene „Endlösung der Judenfrage“: Bis dahin ausgenommene Gruppen, wie ältere Menschen, Akademiker:innen, Künstler:innen, Prominente, Kriegsversehrte, hochdekorierte Veteranen und „Mischlinge“, sollten nun ebenfalls aus dem „Altreich“ und der „Ostmark“ deportiert werden.

sog. Eichmannliste
Sog. Eichmannliste, Quelle: WikiMedia

Da sich diese Menschen schwerlich für die Propaganda-Lügen der „Arbeitseinsätze im Osten“ eigneten, erdachten die Nationalsozialisten die nächste große Täuschung: das „Altersghetto“. Unter dem Vorwand eines „Reichsaltersheim im Kurort Theresienstadt“15 wurden sogenannte „Heimeinkaufsverträge“ angeboten. Diese stellten nichts anderes als einen weiteren Raub dar, wurden aber als Absicherung für „Heimunterkunft, Verpflegung, ärztliche Betreuung auf Lebenszeiten“16 etc. verkauft. Diese falschen Tatsachen wurden später auch jüdischen Deportierten aus den Niederlanden, insbesondere aus dem Lager Westerbork, und aus Dänemark vorgegaukelt. Von dort begannen ab Juni 1942 die als „Evakuierungstransporte“ bezeichneten Deportationen. Zu diesem Zeitpunkt musste die noch in Theresienstadt lebende Zivilbevölkerung die Stadt endgültig verlassen.17

Mit den neuen Häftlingen veränderte sich sowohl die nationale Zugehörigkeit als auch die Alterspyramide und das Geschlechterverhältnis. Während zuvor ausschließlich Menschen aus dem „Protektorat“ hierher deportiert worden waren, die einen Querschnitt ihrer Herkunftsgesellschaft abbildeten, bestand bald die Hälfte der Insassen aus Personen aus dem „Altreich“ und der „Ostmark“. Zudem waren über 65 Prozent der Neuankömmlinge älter als 65 Jahre und mehrheitlich Frauen. Das Durchschnittsalter der Deportierten lag anfangs bei 31 Jahren, stieg bei den Transporten aus dem „Protektorat“ auf 46 Jahre, bei denen aus dem „Altreich“ auf 70 Jahre und erreichte bei den Deportationen aus der „Ostmark“ schließlich 73 Jahre.

Die Geschwindigkeit der Deportationen war erschreckend: alleine von Juni auf Juli 1942 verdoppelte sich die Anzahl der Inhaftierten von 21.296 auf 43.403. Im September 1942 erreichte die Häftlingszahl mit 53.253 Menschen ihren Höchststand – in einer Stadt, die zuvor weniger als 7.000 Einwohner gehabt hatte. Die Konsequenzen waren verheerend: Alleine im September 1942 starben 3.934 Menschen im Ghetto, während in den vorangegangenen neun Monaten insgesamt 4.165 Verstorbene registriert worden waren. Besonders hohe Sterberaten gab es in den völlig überbelegten Siechen- und Altersheimen. Dort waren die schwachen, alten, kranken und hungrigen Menschen nicht nur Seuchen und Parasiten ausgesetzt, sondern häufig auch Dunkelheit und Feuchtigkeit. Auch in den Krankenhäusern herrschten katastrophale Bedingungen. Zwar gab es zwei große sowie mehrere kleinere Spitäler und in beinahe jedem Block Krankenzimmer, doch waren Medikamente Mangelware und die hygienischen Verhältnisse erbärmlich: „Alles schwamm in Schmutz und Blut.“ „Auf den Decken der Schwerkranken krochen klumpenweise die Läuse herum. Medikamente gab es keine.“ „Wir hatten schlechtes Wasser und nicht einmal die primitivsten sanitären Einrichtungen.

 

Transporte

Wie bereits erwähnt, war Theresienstadt ein Durchgangslager mit einem ständigen Wechsel zwischen ein- und ausgehenden Zügen. Im Jahr 1942 wurden 101.619 Menschen nach Theresienstadt deportiert, während 43.870 von dort in andere Lager überstellt wurden. 1943 waren es 15.130 zu 17.156 und 1944 schließlich 7.449 zu 26.033. Besonders dramatisch war der Oktober 1944, in dem in neun Zügen 14.403 Personen nach Auschwitz geschickt wurden.

Grundsätzlich muss bei den eingehenden Transporten zwischen Massen- und Einzeltransporten unterschieden werden. Einzeltransporte bestanden entweder aus angehängten Waggons oder regulären Abteilen, die vom Sicherheitsdienst (SD) statt von der SS bewacht wurden, womit sie deutlich unauffälliger vonstattengingen. Diese Art der Deportationen wurde vor allem in der späteren Phase des Ghettos eingesetzt. Die Massentransporte hingegen wurden mit römischen Ziffern bezeichnet – so erkannte man die Wiener Züge stets an der Bezeichnung „IV“. Sie kamen insbesondere in den Jahren 1942/43 zum Einsatz und umfassten in der Regel jeweils etwa 1.000 Deportierte.

Viele Menschen versuchten, sich von den Transporten freizukaufen, sei es beim stellvertretenden Gestapo-Chef von Wien, Dr. Karl Ebner, oder bei Anton oder Alois Brunner. Doch selbst nach Zusagen, geleisteten Bestechungsgeldern oder hochrangiger Intervention war niemand sicher. So behauptete beispielsweise Anton Brunner (Brunner II), dass bestimmte Personen bereits deportiert worden seien, während sie in Wahrheit noch am Aspangbahnhof standen. Vor der Abfahrt wurden die meisten zur Deportation bestimmten Personen in Sammellagern wie der Castellez- oder Malzgasse in Wien II zusammengeführt, wo sie Misshandlungen und Hunger ausgesetzt waren.

Die Zustände in den Massentransporten waren unvorstellbar grausam: die Menschen wurden ohne Verpflegung und ohne Sanitäreinrichtungen in plombierten Viehwaggons zusammengepfercht. „Die Menschen sind abgezehrt und halb verhungert. Tote liegen neben Lebenden. Und so fuhr der Transport tage-, wochenlang. Als sie an ihren Bestimmungsort ankamen, waren viele der Juden wahnsinnig geworden. Das war die Abfahrt in die Hölle Theresien­stadt. Was sich dann dort zutrug, bedeutete die Hölle selber.

Erster Zug der nach Theresienstadt einfährt
Erster Zug der nach Theresienstadt einfährt, Quelle: Ghettospuren.de

Anfangs endeten die Deportationszüge im drei Kilometer entfernten Bauschowitz. Von dort mussten die Ankommenden den beschwerlichen Weg ins Ghetto zu Fuß zurücklegen.18 Erst am 24. August 1942 begannen Bauarbeiten, um einen eigenen Gleisanschluss im Ghetto zu schaffen. Dieser wurde am 1. Juni des darauffolgenden Jahres abgeschlossen. Auch bei den abgehenden Transporten gab es in Einzelfällen Interventionen, meist durch den Häftling „Dr.“ Reinisch, der sein Medizinstudium nie abgeschlossen, sich jedoch bei der Lagerkommandantur eingeschmeichelt hatte und bis zu seiner eigenen Überstellung als „Transportarzt“ fungierte. Er entschied mit über Leben und Tod. Die meisten dieser Transporte endeten direkt in den Gaskammern. Trotzdem wurden sie in das perfide Lügengebilde Theresienstadt eingebunden: Man sprach von „Arbeitstransporten“ und ermöglichte Frauen und Kindern, freiwillig ihren Männern und Vätern an die vermeintlichen Arbeitsorte – oft angeblich in Sachsen und Thüringen – zu folgen. Diese Deportationen umfassten ebenfalls meist um die 1.000 Personen. So schilderte ein Augenzeuge: „Als einmal ein Mann einer dieser Transportkolonnen tot zusammenbrach und der Zeuge dies Dr. Seidl meldete, brüllte dieser: ‚Ob der Mann tot ist, bestimme ich! Er muss zum Bahnhof!‘“ Im Prozess nach dem Krieg behauptete Seidl, er habe nicht gewusst, wohin diese Menschen „verreist“ seien. Der Staatsanwalt konterte, ob sie „verreist oder verschickt“ worden seien, worauf Seidl antwortete: „Das ist doch kein so grundlegender Unterschied. Sie waren eben nicht da.

 

Terror und Hunger

Obwohl für das Ghetto Theresienstadt immer noch das kulturelle Leben, das es dort gab, betont wird – etwa mit der Kinderoper Brundibár, unzähligen Konzerten und Vorträgen19 –, war es wie alle nationalsozialistischen Lager ein Ort von Willkür und Terror. Bereits ab August 1945 berichteten Presseartikel in Österreich von Ermordungen und Misshandlungen; sie sollen hier erstmals in größerem Umfang ausgewertet werden. Insbesondere unter dem Lagerkommandanten Siegfried Seidl herrschte eine grausame Disziplin: Menschen wurden wegen Lappalien gehängt. „Lichtsperren“, also Verbote der Beleuchtung, führten dazu, dass ältere Häftlinge auf den nun ebenfalls belegten Dachböden stürzten und mangels medizinischer Versorgung starben. Diese Praxis wurde von den Häftlingen als „kalter Pogrom“ bezeichnet.

Die SS benutzte auch Zigaretten, um Häftlinge zu provozieren: Erst verschenkte sie diese und wer daraufhin nach Rauch roch, wurde brutal miss­ handelt. Menschen wurden gezwungen sich auf glühende Herdplatten zu setzen oder ihre Hände darauf zu legen. „‚Ja auch Kriegsblinde mussten im Zuge der Gesamtmaßnahmen und zum Schutze des nationalsozialistischen Regimes von den Bestimmungen getroffen werden‘, rechtfertigte sich Seidl als er einem hochdekorierten blinden Juden das Glasauge mit der Reitgerte zertrümmerte.“ Anderen wurde mit einem Hammer der Schädel gespalten. Wieder andere wurden gezwungen, sich im Sand selbst zu ersticken. Um ihre Bestialität zu verschleiern, fälschte die SS systematisch die Todesursachen: So wurde aus den Folgen von Misshandlungen Herzschwäche, aus Erdrosselungen wurden Selbstmorde.

Auch die Lebensmittelversorgung war völlig unzureichend: Nicht einmal die ohnehin viel zu niedrig angesetzten Rationen, die als Verpflegung offiziell vorgesehen waren, wurden über längere Zeiträume erreicht. Und selbst wenn sie ausnahmsweise ausgegeben wurden, war die Mahlzeit oft verdorben – ver- wässert waren sie in der Regel ohnehin. Die Lebensmittel kamen mit dem Zug aus Prag und wurden im Lager mit dem Leichenwagen transportiert.20 Frisches Gemüse oder Obst gab es bis auf ganz wenige Ausnahmen ebenso wenig wie andere Fette außer Margarine. Kaffee wurde aus Pflanzenextrakten gewonnen und galt als Hauptnahrungsmittel. Am deutlichsten zeigte sich der Mangel bei den Kindern, die als „atmende Skelette“ bezeichnet wurden.

Wegen der massiven Unterversorgung waren Pakete von außen von großer Bedeutung. Obwohl viele Paketinhalte gestohlen wurden, ernährten sie oft nicht nur die eigentlichen Empfänger, sondern auch deren unmittel­ bares Umfeld. Lagerplatz für die Lebensmittel gab es keinen, sodass getauscht und geteilt wurde. Doch auch für die Absender war es schwierig, an Waren zu gelangen: Die schrittweise verstärkte Seeblockade und die zunehmende Kriegswirtschaft ließen Lebensmittel immer knapper werden. Zudem fehlten in der Landwirtschaft und Produktion Männer, die nicht einfach durch Zwangsarbeiter ersetzt werden konnten. Lebensmittel wurden rationiert und nur gegen Marken ausgegeben.

Für die als Jüdinnen und Juden verfolgten Menschen sowie für „Mischlinge“ galten noch strengere Vorschriften: Ab 1940/41 wurden ihre Rationen drastisch gekürzt, bestimmte Lebensmittel wie Fleisch, Eier und Milch wurden ihnen generell vorenthalten. Sonderzuteilungen blieben ihnen verwehrt und es gab mehrere Einschränkungen beim Einkauf. Selbst wenn jemand noch Verwandte hatte, die in der Lage waren, Pakete zu schicken, wurde es durch die wachsenden Restriktionen und die Kriegswirtschaft immer schwieriger, Lebensmittel zu beschaffen. Jedes verschickte Paket mussten sich die Absender buchstäblich vom Mund absparen.

Neben dem Hunger führte die völlig unzureichende und qualitativ minderwertige Ernährung im Ghetto auch zu zahlreichen Mangelerkrankungen: Durchfallerkrankungen, Hungerödeme sowie Krankheiten des Haut- und Knochengewebes, die die Häftlinge so schwächten, dass sie noch anfälliger für grassierende Seuchen wurden, insbesondere in den Massenquartieren. In den Kasernen lebten bis zu 5.000 Menschen, in einem einzelnen Saal oft 40 bis 50. In den ehemaligen Privathäusern war die Versorgung zwar geringfügig bes- ser, jedoch waren die hygienischen Umstände oft noch schlechter. Besonders proble­matisch war die Wasserversorgung: In vielen Blocks gab es nur einen Wasserhahn und das Wasser war häufig verunreinigt.

 

Die „Verschönerungsaktion“

Verschönerungsaktion, Foto vom IRK
Verschönerungsaktion, Foto vom IRK, Quelle: IRK

Doch plötzlich wandelte sich das Inferno zu einem freundlichen Bild, zum ‚Paradies Theresienstadt‘. Die Welt wollte einen Blick in die Judenlager tun, wollte wissen, wie es dort aussieht. Dies war der Anlass zu dem Zauber, der sich eines Tages vollzog. Das erlogene Paradies. ‚Der krasse Gegensatz zu diesen Zuständen‘, so erzählt das besagte Tagebuch [Anm. d. Verf.: das Theresienstadt- Tagebuch von Dr. Edith Ornstein] weiter, ‚spielte sich in Theresienstadt ab, als eine internationale Kommission gemeldet wurde. Das ganze Lager wurde auf Glanz hergerichtet. Alte und kranke Leute steckte man in Privathäuser, nur die kräftigeren und besser Aussehenden wurden im Lager in die frisch renovierten Unterkünfte gebracht. Saubere Straßen mit weißen Richtungsschildern werden angelegt.‘ Die Juden bekommen gute Kleider, bessere Verpflegung. Als die Kom- mission eintraf, sah sie alles in falscher Aufmachung. Die Kommission reiste ab, aber das Lager blieb noch eine Woche lang in gutem Zustand, denn ein Film wurde gedreht. Für diesen Zweck war eigens ein Kinderspielplatz mit Schaufeln, Bahnen, Pferden und anderen Dingen errichtet worden. Eine Jazzkapelle musste spielen, Burschen und Mädchen mussten mit lachenden Gesichtern zur Musik tanzen. Während dieser Film der Welt zeigen sollte, wie es in den von den Juden selbst verwalteten Lagern zuging, starben dort Tag für Tag hunderte.

Im Frühjahr 1944 traf ein Transport mit 600 aus Dänemark deportierten Jüdinnen und Juden in Theresienstadt ein. Diese Häftlinge genossen Sonderrechte und wurden zusätzlich vom dänischen und schwedischen Roten Kreuz mit Paketen versorgt, was zu Spannungen innerhalb der ohnehin sehr heterogenen Häftlingsgemeinschaft führte. Dieser Transport diente jedoch offenbar als Katalysator, denn bereits seit Anfang 1943 bemühte sich das Internationale Rote Kreuz um eine Inspektion eines nationalsozialistischen Lagers – unmittelbar nachdem Malla Granat von der Schwedischen Israelmission Wien trotz Gestapo-Verbots auf eigene Faust nach Theresienstadt gereist war. Dort sah sie „jenseits des Drahtes die Erschöpften und von Hunger ausgehöhlten Gestalten unter der Fuchtel des SS ihre Sklavenarbeit verrichten.“ Granat wurde verhaftet, ihr Aufenthaltstitel entzogen und sie musste nach Schweden zurückkehren, wo sie sich umgehend im dortigen Roten Kreuz engagierte und schließlich nach Genf zum IRK entsandt wurde. Dort erzählte sie, was sie gesehen hatte – und einer hörte ihr besonders genau zu: der König von Dänemark. Er übte Druck auf die NS-Führung aus, sodass im April 1944 schließlich die Erlaubnis erteilt wurde, Theresienstadt zu inspizieren. Der neue Lagerkommandant SS-Obersturmführer Karl Rahm erhielt daraufhin den Auftrag, ein Potemkin’sches Dorf zu errichten, um die Weltöffentlichkeit zu täuschen.

Die Straßen und Plätze wurden hergerichtet, Zäune entfernt, Pflanzen gesetzt, ein „Kaffeehaus“ und ein Musik- und Kinderpavillon errichtet, Bänke aufgestellt, Geschäfte eröffnet, Verbotszonen abgeschafft, Parkanlagen angelegt, Fassaden gestrichen sowie einzelne Gebäude und Zimmer drapiert und mit Möbeln und Hausrat ausgestattet. Zudem entstanden Spielplätze, eine Speisehalle, ein Konzert- und Kinosaal und sogar eine Bank. Die Sokolowna, das ehemalige Vereinshaus des tschechischnationalen Vereins Sokol, wurde zu einem Gemeinschaftshaus umgebaut. Der Name „Ghetto“ wurde abgeschafft und durch „jüdisches Siedlungsgebiet“ ersetzt, der „Judenälteste“ zum „Bürgermeister“ umbenannt. Um die massive Überbelegung zu reduzieren, wurden alleine im Mai 1944 vier Transporte mit 7.511 Menschen nach Auschwitz und Bergen-Belsen geschickt – nur 478 von ihnen überlebten.

Am 23. Juni 1944 erreichte die zehnköpfige Kommission Theresienstadt und wurde mit einer bis ins kleinste Detail durchorchestrierten Vorstellung konfrontiert, von der sie sich vollständig täuschen ließ. In seinem lange geheimgehaltenen Bericht schilderte Dr. Maurice Rossel, Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes, seine Eindrücke von eleganten Damen, glücklichen Kindern, schönen Zimmern, hervorragend ausgestatteten Krankenhäusern. Er übernahm sogar die SS-Lüge, dass Theresienstadt ein „Endlager“21 sei. Da die Propagandalügen derart erfolgreich waren, wurde eine bereits Ende 1941 diskutierte Idee wieder aufgegriffen: Das „erlogene Paradies“ sollte in einem Film festgehalten werden. Der Arbeitstitel lautete „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“, doch bekannt wurde er – obwohl nur fragmentarisch erhalten und nie öffentlich gezeigt – unter dem Namen „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“.

Filmaufnahmen in Theresienstadt
Filmaufnahmen in Theresienstadt, Quelle: WikiMedia

Analog zur Inszenierung für die Internationale Kommission entstand ein etwa 90-minütiger Film, der weniger durch direkte Falschdarstellung als durch bewusstes Auslassen der realen Lagerbedingungen täuschte. Die heute bekannten Fragmente tauchten erst 1946 wieder auf. Mit Ausnahme des Kamerateams waren alle Beteiligten Häftlinge, fast alle von ihnen wurden im Herbst 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet.22

Alleine im September und Oktober 1944 wurden 18.422 Menschen hauptsächlich nach Auschwitz deportiert. Dies waren die letzten Massentransporte in die Vernichtungslager im Osten, sie markierten den beginnenden Zusammenbruch Theresienstadts. Auch die bisherigen Strukturen zerfielen: So blieb von der Ghetto-Feuerwehr nur ihr Kommandant Ing. Leo Holzer zurück. An eine Aufrechterhaltung des Brandschutzes war nicht mehr zu denken. Analoge Entwicklungen gab es in allen anderen Abteilungen und Betrieben.

 

Auflösung

Die NS-Führung sah die herannahende Ostfront und begann, ihre Verbrechen zu verschleiern: 20.000 bis 25.000 „Urnen“ aus dem Kolumbarium wurden in der nahen Eger versenkt. Gleichzeitig wurden Pläne zur vollständigen Auflösung des Ghettos entwickelt. Da Transporte in den Osten nicht mehr möglich waren, begannen Bauarbeiten, die von den Häftlingen als Vorbereitungen für Gaskammern und einen Exekutionsplatz interpretiert wurden.23 Andere Quellen berichten davon, dass das gesamte Lager mitsamt den Häftlingen gesprengt werden sollte. Parallel dazu fanden jedoch auch Befestigungs- maßnahmen statt, darunter der Bau von Schießständen und Verteidigungsstellungen.

Zwischen Dezember 1944 und Mai 1945 wurden noch 1.400 Jüdinnen und Juden aus dem slowakischen Lager Sered nach Theresienstadt verschleppt. Reichsführer SS Heinrich Himmler versuchte, die verbliebenen Häftlinge gegen Geld oder Güter einzutauschen. Am 5. Februar 1945 verließ ein Transport mit 1.200 Personen Theresienstadt Richtung Schweiz. Kurz zuvor waren weitere Züge aus Prag im Ghetto eingetroffen, gefolgt von Transporten mit ungarischen Jüdinnen und Juden, die eigentlich für Befestigungsarbeiten bei Wien vorgesehen gewesen waren. Gleichzeitig bereitete Adolf Eichmann den Besuch einer weiteren Delegation des Roten Kreuzes vor, die sich erneut täuschen ließ. Nach schwedischer Intervention durften Mitte April die aus Dänemark deportierten Häftlinge das Ghetto verlassen. Ein weiterer Transport in die Schweiz wurde zusammengestellt, fuhr jedoch nicht mehr ab.

Ab dem 20. April 1945 erreichten bis zu 15.000 Häftlinge aus Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald und anderen Lagern Theresienstadt. Das Rote Kreuz verhandelte von Prag aus mit der SS um humanitäre Unterstützung, durfte Theresienstadt am 30. April nochmals besuchen und konnte dabei die Machtübergabe am 5. Mai 1945 vereinbaren. An diesem Tag hatten sich sämtliche Wachmannschaften abgesetzt und das Rote Kreuz beauftragte Leo Holzer mit der Lagerleitung. Am 8. Mai 1945 erreichte schließlich die Rote Armee das Ghetto und die Kleine Festung.

Rund 33.500 Menschen fanden in Theresienstadt den Tod, 88.000 wurden von hier in andere Konzentrationslager deportiert. Von den mehr als 15.000 aus Österreich nach Theresienstadt deportierten Jüdinnen und Juden überlebten nur 512 die Shoah.

Todesfälle Theresienstadt
Todesfälle Theresienstadt, Quelle: Jüdisches Museum Prag

Doch damit war das Leid nicht zu Ende. Wegen einer Typhusepidemie stand Theresienstadt vom 14. bis zum 28. Mai 1945 unter vollständiger Quarantäne, danach blieben einzelne Gebäude weiterhin isoliert. Zudem trafen weitere Überlebende ein, vor allem schwerst traumatisierte jüdische Kinder, die die Rote Armee bei ihrem Vormarsch aufgesammelt hatte. Die endgültige Auflösung des Lagers erfolgte schrittweise bis Ende August 1945.

Die Rückkehr in die Heimat war für viele Überlebende kein Neubeginn in Sicherheit und Geborgenheit: „Ein gebrochener Mensch. Die Wohnung völlig ausgeplündert, der alte Mann in hoffnungslosem Trübsal versunken.“ – „Die dort erlittenen Strapazen haben seine Gesundheit so schwer erschüttert, dass er jetzt nach seiner Rückkehr gestorben ist.“ Für jene, deren Wohnungen besetzt oder zerstört waren, wurde in der Seegasse 9, Wien IX, ein Auffanglager eingerichtet. Genau von dieser Adresse – dem ehemaligen Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde Wien – waren 655 Jüdinnen und Juden deportiert worden, 604 davon nach Theresienstadt, nur fünf haben überlebt. Die Seegasse wurde so zu einem Anlaufpunkt, um das Schicksal von Angehörigen zu erfragen – während sich österreichische Philatelisten bereits für Theresienstadt-Briefmarken zu interessieren begannen.

 

 

 

 

 


Endnoten


1 Georg HEINLE, Geschichte Preußens, Königsberg 1876, S. 459.
2 Astrid DEBOLD-KRITTER, Geometrie und historischer Stadtgrundriss. Die Festung The­resien­stadt, Terezin in Tschechien. In: Bettina MARTEN, Ulrich REISCH, Michael KOREY (Hgg.), Festungsbau. Geometrie, Technologie, Sublimierung. Berlin 2012, S. 172– 182; BENZ, The­resien­stadt (siehe Anm. 9), hier vor allem S. 15–21.
3 Schematismus für das k. u. k. Heer und für die k. u. k. Kriegsmarine für 1914. Wien 1914, S. 562.
4 Manfried RAUCHENSTEINER, Josef BROUKAL, Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie in aller Kürze. Wien 2015, S. 200.
5 Georg HOFFMANN, Nicole GOLL, Philipp LESIAK, Thalerhof 1914–1936. Die Geschichte eines vergessenen Lagers und seiner Opfer. Herne 2010.
6 Richard Georg PLASCHKA, Avantgarde des Widerstands: Modellfälle militärischer Auflehnung im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 1. Wien, Köln, Graz 2000, S. 216–229.
7 Hans LOEWENFELD-RUSS, Die Regelung der Volksernährung im Kriege, Bd. 8. Wien 1926, S. 138.
8 Kurt GÖTZE, Chemiefasern nach dem Viskoseverfahren. Berlin, Heidelberg 1951, S. 15.
9 Helena SRUBAR, Juden in der Tschechoslowakei: eine Analyse lebensgeschichtlicher Interviews. Mitteilungen des Osteuropa Instituts München 47/2002, S. 36.
10 H. [Hans] G. [Günther] ADLER, The­ resien­ stadt 1941–1945: Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Göttingen 22012, S. 701.
11 H.G. ADLER, Die Rolle The­resien­stadts in der „Endlösung der Judenfrage“. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 1. Juni 1955, S. 333–347, hier S. 335.
12 siehe FN 10, S. 27.
13 siehe FN 10, S. 31.
14 [OHNE AUTOR], Die Judenausrottung in deutschen Lagern. Augenzeugenberichte. Posen, Kratzau, Auschwitz, Bergen-Belsen, Theresien­stadt. Genf 1945, S. 56.
15 siehe FN 11, S. 340.
16 Wolfgang BENZ, The­resien­stadt. Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung. München 2013, S. 37.
17 siehe FN 10, S. 27.
18 Elisabeth W. TRAHAN, Geisterbeschwörung. Eine jüdische Jugend im Wien der Kriegsjahre. Wien 1996, Interview mit Walter Fantl Brumlik 27.03.2009, S. 157–238, hier S. 192.
19 Elena MAKAROVA, Sergej MAKAROV, Victor KUPERMAN, University over the Abyss. The story behind 489 lecturers and 2 309 lectures in KZ The­resien­stadt 1942–1944. München 2000.
20 Siehen FN 14, S. 56.
21 Siehen FN 16, S. 158.
22 Siehen FN 16, S. 193-197.
23 Siehen FN 16, S. 189.

 

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