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Helene
Löwinger
21.03.1905
Wilhelmsburg
30.09.1942
Auschwitz
Kindermädchen
Hamburg
Färbergasse 43, Wilhelmsburg
Arbeitete zuerst in Hamburg als Kindermädchen, floh am 22. Oktober 1938 nach Amsterdam, wurde verhaftet und in Westerbork inhaftiert. Am 15. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert
Josef
Netti
Deutsch


Steine der Erinnerung

frischmannloewinger
loewinger

Josef Löwinger, seine Frau Netti, geb. Deutsch, und ihre Tochter Helene

Josef, Kantor und Religionslehrer, Wien II, Hammer­Purgstallgasse 1, zu sorgen für Frau und erwachsene, jedoch arbeitslose Kinder, lebt derzeit in Wien in höchster Not, war ehemaliger Angestellter der hg. J. K. G. (hiesigen Jüdischen Kultusgemeinde) und bezieht von derselben monatlich 6,66 RM (Reichsmark) Unterstützung. Zinsverpflichtung, daher dringendste Notlage gegeben. (Nachtrag zur Liste der Befürsorgten, die auswärts wohnen. Fürsorgereferat der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG)

St. Pölten, vor November 1938) Josef Löwinger wurde am 12. Juli 1858 als Sohn von Josef und Sali, geb. Spitzer, in Deutschkreutz (damals Westungarn) in eine religiöse, traditionelle Familie geboren. Mit seiner ersten Frau Bertha, geb. Grünwald, hatte er acht Kinder, von denen drei, Julius, Helene und Simon, in den ersten Lebensjahren starben. Von Regina, geb. 1892 in Gänserndorf, sind bisher keine Daten bekannt. Nach dem religiösen Brauch, Kinder nach Verstorbenen zu benennen, wurde der 1898 geborene Sohn wieder Julius genannt, er wurde 80 Jahre alt und starb 1978 in Asia (NY). Auch Marie, Rosa und Paula erreichten das Erwachsenenalter, doch nur Marie, verheiratete Goldmann, konnte 1939 mit Mann und Tochter nach Palästina/Erez Israel entkommen.

Am 1. Februar 1904, mit nur 41 Jahren, starb Bertha Löwinger und fand am Alten jüdischen Friedhof St. Pölten ihre letzte Ruhestätte – wie alle Grabsteine auf diesem Friedhof ist auch ihrer verschwunden. Nur vier Monate später heiratete Josef Löwinger, wohl auch zur Versorgung seiner kleinen Kinder, in der westungarischen Stadt Beled Netti Deutsch, geboren am 21. September 1871 im nahen Szárföld als Tochter von Rudolf und Margarethe, geb. Fischer. Die beiden nannten ihre erste Tochter, am 21. März 1905 in Wilhelmsburg geboren, wiederum Helene, wie Josefs verstorbene Tochter aus erster Ehe. Ihre zweite Tochter Johanna, 1906 geboren und verheiratete Levinberg, konnte dem NS-Terror entkommen und starb 1952 in Tel Aviv. Ihre Schwester Jachet Jehudit, mit dem – wie ihr Vater – aus Deutschkreutz stammenden Rabbiner Israel Kohen verheiratet, starb 1975 in Petach Tikwa.

Religionslehrer und Schächter Josef Löwinger

gab den jüdischen Kindern in Wilhelmsburg Religionsunterricht und dürfte dabei engagiert und erfolgreich gewesen sein. Wie der St. Pöltner Rabbiner Dr. Adolf Aron Schächter in seinem jährlichen Inspektionsbericht 1910 betonte, bereiteten ihm die 17 Wilhelmsburger Schüler „bei der Prüfung eine wahre Freude“ und er schlug vor, Josef Löwinger „zumindest die Anerkennung zum Ausdrucke zu bringen“. 1920 traf die Familie Löwinger und auch die zweite im Haus wohnende Familie Frischmann ein großes materielles Unglück: Das Haus in der Färbergasse 43 (heute Nr. 3) wurde durch einen Brand schwer beschädigt. Beide Familien erhielten von der IKG St. Pölten eine finanzielle Unterstützung.

Im Jahr 1926 trat Josef Löwinger seinen Ruhestand an, doch war die IKG nicht in der Lage, ihm eine Pension zu bezahlen. Stattdessen erhielt er eine bescheidene einmalige Zuwendung von 100 Schillingen mit der Erklärung, „daß wohl der gute Wille vorhanden wäre, Ihre Leistung auch in materieller Art anzuerkennen, doch aber die Mittel hiezu leider fehlen“. Wovon das Ehepaar Löwinger danach seinen Lebensunterhalt bestritt, ist nicht klar. Eventuell lebten sie von den Pachterträgen aus einem 4 Hektar großen, landwirtschaftlich genutzten Grundstück in Deutschkreutz. Josef scheint auch weiterhin für das Schächten von Tieren für die koschere Speisenzubereitung zuständig gewesen zu sein. Im noch erhaltenen Kassabuch der IKG St. Pölten ist nämlich am 1. August 1929 für „Schlachten“ ein Honorar von 30 Schillingen an ihn eingetragen. Mit einer Unterstützung des Fürsorgereferats konnte er nach seiner Zwangsübersiedlung nach Wien 2, Hammer-Purgstallgasse 1, mehr schlecht als recht überleben. Ihm blieb die Deportation erspart, er starb am 18. April 1941 und ist am jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs, Tor IV, begraben.

Seine Frau Netti musste alleine in eine Sammelwohnung in Wien 2, Floßgasse 10/16 übersiedeln. In diesem Haus warteten, betreut von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, vor allem aus dem Burgenland bzw. Westungarn stammende betagte Jüdinnen und Juden auf ihre Deportation. 134 Menschen wurden von hier in den Tod geschickt. Für sie verlegte der Wiener Verein „Steine der Erinnerung an jüdische Opfer des Holocausts“ im Mai 2008 einen Gedenkstein. Netti Löwinger wurde am 10. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, am 23. September 1942 nach Treblinka überstellt und dort ermordet. Um die „Arisierung“ des Grundstücks in Deutschkreutz bemühte sich ein Otto Sommer, der ab Jänner 1943 deshalb mehrere in schlechtem Deutsch formulierte Schreiben an den Bürgermeister von Deutschkreutz und die Reichsstatthalterei Niederdonau richtete, so auch am 18. Februar 1943: „Ich bin seit dem Jahre 1940 als Freiwilliger bei der Waffen-SS eingerückt und reflektiere auf dieses Grundstückes und bitte um Befürwortung dieses Ansuchens.“ Ob diesem Ansuchen Folge geleistet wurde, ließ sich bisher nicht herausfinden.

Wann Josef und Nettis Tochter Helene Österreich verließ, entzieht sich unserer Kenntnis. Sie arbeitete zunächst in Hamburg als Kindermädchen, floh am 22. Oktober 1938 nach Amsterdam, wurde dort verhaftet und im Durchgangslager Westerbork inhaftiert. Am 15. Juli 1942 wurde sie nach Auschwitz deportiert und dort am 30. September ermordet. Auch ihre Halbschwestern wurden Opfer der Nationalsozialisten: Sowohl Paula als auch Rosa, verheiratete Neumann, wurden im KZ Stutthof (Sztutowo) bei Danzig (Gdánsk, Polen) ermordet, Rosas Mann David in Auschwitz.

Aus Josefs und Nettis langem Leben als fromme und arbeitsame Menschen, fürsorgliche Eltern und engagierte Gemeindemitglieder blieben weder Foto oder Dokument noch Gegenstand erhalten, nur sein bescheidener Grabstein am 4. Tor des Zentralfriedhofs steht noch. Der „Stein der Erinnerung“ vor ihrem einstigen Wohnhaus möge sie im Gedächtnis von Wilhelmsburg bewahren.

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