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Karl
Reiß
Reiss, Reisz
29.01.1864
Kilb
Riga
Pensionist
Schneckgasse 13, St. Pölten
Umsiedelung nach Böcklinstraße 35, Wien 2; am 26. Jänner 1942 nach Riga deportiert
Leopold
Rosi (Therese)
Hirsch
Ida
Beck
Rudolf
Josef

 

Steine der Erinnerung

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Karl Reiss und seine Frau Ida, geb. Beck

„Mit Kaufvertrag vom 31. 5. 1939 hat Karl Reiss, vertreten durch den Treuhänder Franz Nechibar, die Liegenschaft EZ 929 der Kat. Gemeinde St. Pölten an Johann und Therese Ondrak verkauft. Karl Reiss gehörte zu den rassisch verfolgten Per­sonen. Von der Antragsgegnerin wurde nicht einmal behauptet, daß der Kauf­ vertrag auch unabhängig von der Machtergreifung des Nationalsozialismus zu­ stande gekommen wäre. Die Antragstellerin ist daher zur Rückstellung der ent­ zogenen Liegenschaft verpflichtet.“ (Erkenntnis der Rückstellungskommission beim Kreisgericht St. Pölten, RK 122/48, vom 5. 5. 1948)

Karl (auch: Carl und Karl Gabriel) Reiss wurde am 29. Jänner 1864 in Kilb im Bezirk Melk als Sohn von Leopold und Rosie Therese, geb. Hirsch, geboren. Seine Eltern und auch seine Schwester Maria Frischer, die mit 58 Jahren gestorben war, liegen auf dem jüdischen Friedhof St. Pölten begraben. Am 4. November 1891 heiratete er in Wien Ida Beck, geboren am 3. Jänner 1869 in Dobrisch (Mähren), Tochter von Josef und Katharina, geb. Augstein.

Vom älteren Sohn Josef Reiss, geboren am 2. September 1892 in Kilb, ist keine Nachricht erhalten, vermutlich starb er als Kleinkind. Der zweite Sohn, Rudolf, am 11. August 1900 ebenfalls in Kilb geboren, betrieb mit seinem Vater eine „Handelsgesellschaft“.

In seinem „Verzeichnis über das Vermögen von Juden“ vom 12. Juli 1938 führte Karl Reiss als Beruf „Privat“ und den Besitz von einem halben Wohn- und Geschäftshaus in Kilb sowie einem Mietwohnhaus in St. Pölten an. Ein Darlehen von 7000 Reichsmark schätzte er als „voraussichtlich dubios“ ein, bezweifelte also die Rückzahlung. Der Vermögensanmeldung ist eine zweiseitige, dicht-beschriebene Liste von 82 Personen beigelegt, denen Karl Reiss ein Darlehen gewährt hatte. Die Gesamtsumme betrug 52.196 Reichsmark, etwa die Hälfte davon war durch Hypotheken besichert. Karl Reiss hatte somit auch ein Kreditinstitut geführt, das zu diesem Zeitpunkt bereits unter kommissarischer Verwaltung stand. Die Meldung einer „Veränderung“ durch seinen kommissari- schen Verwalter Franz Nechibar an die Vermögensverkehrsstelle am 9. Dezem- ber 1938 erfolgte jedoch noch unter dem Briefkopf „Carl Reiss & Sohn, Handels- gesellschaft, Kilb, NÖ“. Aus dem Schreiben geht nicht nur die Liquidierung des Betriebs, sondern auch die Beschlagnahme von „zwei Autos, Typen Steyr 120 und Steyr 50“ durch die NSDAP-Kreisleitung Melk hervor.

Wie so viele Juden und Jüdinnen musste auch Karl Reiss persönliche Wertge- genstände, darunter sogar zwei Paar Eheringe – vielleicht die seiner Eltern und seiner verstorbenen Schwester und deren Ehemann –, an das Dorotheum in Wien zwangsverkaufen. Ein „Sperrkonto Carl Reiss“ wird in den Akten öfter erwähnt, er konnte also über den Kauferlös nicht verfügen. Am 21. Juli 1939 gab die Vermögensverkehrsstelle Wien dem Finanzamt Melk bekannt, dass „Herrn Franz und Anselma Saßmann die Genehmigung zur Übernahme des angemeldeten Hauses (Schneckgasse 13, Anm.) erteilt wurde. Der Kaufpreis wurde mit RM 30.000 festgesetzt und wird bei der Devisenstelle Wien, Überwachungsabteilung, eingezahlt.“ Auch von diesem Erlös erhielt das Ehepaar Reiss also keine Mark, er wurde für die sogenannte „Judenvermögensabgabe“ verwendet.

Das Ehepaar Reiss musste zu einem unbekannten Datum nach Wien 2, Böcklinstraße 35, übersiedeln, von wo 32 Menschen in den Tod geschickt werden sollten. Am 26. Jänner 1942 wurden Karl und Ida nach Riga deportiert. Die Sterberate im überfüllten Ghetto der lettischen Hauptstadt war derart hoch, dass von den 20.000 Deportierten nur 800 überlebten.

Rudolf Reiss ersuchte am 19. Dezember 1950, das an ihn restituierte Haus in St. Pölten, Mariazellerstraße 11, in den ursprünglichen baulichen Zustand zurück zu versetzen. Das Schreiben trägt die Adresse Kaufhaus, Kilb Nr. 2. Er war also relativ kurz nach Kriegsende in seinen Heimatort zurückgekehrt oder hatte vielleicht als Partner einer sogenannten „privilegierten Mischehe“ überlebt. Die Restitution seiner Häuser und Grundstücke zog sich aufgrund von Einsprüchen der „Ariseure“ über zwei Jahre hin.

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