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Joachim
Chaim
Willner
Wilner, Zikorje, Zekorje
19.02.1890
Szkiplosy (Galizien)
12.10.1941
Zasavica bei Sabac
Uhrmacher, Juwelier
Schulgasse 2, St. Pölten
10. Juni 1939 Zwangsumsiedelung nach Taborstraße 44/3,Wien 2; gescheiterte Flucht im Kladavo Transport
Moses
Lea
Willner
Margit
Friedmann
Ella
Deutscher
Kurt
Robert


Steine der Erinnerung

willnerstein

Joachim Chaim Willner und seine Frau Ella Rachel

„Wir teilen Ihnen dazu mit, daß die Unterlagen über die früher beschlagnahm­ ten Gegenstände zum Teil durch Kriegshandlungen vernichtet, zum Teil bereits seit längerer Zeit skartiert wurden, sodaß es uns heute nicht mehr möglich ist, Ihnen, sehr geehrter Herr Willner, Auskünfte über Überführungen der Geschäftsware Ihres Vaters im Jahre 1938 zu erteilen.“ (Brief der Dorotheum Auktions­, Versatz­, und Bank­Ges.m.b.H. an Kurt Willner, 27. Februar 1997)

Bei der erwähnten „Geschäftsware“ handelte es sich um Schmuck­ und Juwe­ lierwaren im Wert von „62.006,73 Schillingen“, die der Uhrmacher und Juwelier Joachim Willner in seiner „Vermögensanmeldung“ vom 15. Juli 1938 angeführt hatte. Er war am 19. Februar 1890 in dem kleinen galizischen Dorf Szkiplosy, ca. 60 km östlich von Lemberg, geboren worden. Die unterschiedlichen Famili­ennamen seiner Eltern Moses Zekorje und Lea Willner lassen darauf schließen, dass sie, wie viele orthodoxe galizische Juden, nur rabbinisch und nicht be­hördlich verheiratet waren. Die beiden hatten einen weiteren Sohn namens David Meyer, sein Schicksal und das seiner Frau sowie ihrer gemeinsamen vier Söhne ist nicht bekannt.

Joachim Willner zog 1913 von Brzezany in Galizien nach St. Pölten, wo er in der Franziskanergasse 6 wohnte und sein Uhrmacher­ und Juweliergeschäft be­trieb. Mit seiner ersten Frau Margit, geb. Friedmann (1898 Budapest – 1939 Bu­dapest) hatte er die zwei Söhne Robert und Kurt Mosche, 1920 und 1925 geboren. Beide lebten nach der Scheidung der Eltern 1925 bei der Mutter in Budapest, Robert blieb laut Meldedaten bis 1934 bei ihr, Kurt zog bereits 1929 zu seinem Vater nach St. Pölten.

In diesem Jahr hatte Joachim Willner in Wien Ella Rachel Deutscher geheiratet, geboren am 8. März 1900 in Rozniatow (Bezirk Stanislau, zwischen Dolyna und Kalusch) als Tochter von Urie Zweifler und Süssel (Zissel) Deutscher. Wie ihr Mann stammte also auch sie aus Galizien und aus einem frommen Elternhaus. Die beiden wohnten mit Kurt in der Schulgasse 2 und betrieben außer dem Ge­ schäft in der Franziskanergasse 6 auch eine Zweigstelle in der Kremser Gasse 29. Joachim Willner verwaltete lange Jahre die Armenkasse der Israelitischen Kul­tusgemeinde, Kurt war begeistertes Mitglied des zionistischen Vereins „Betar“. Nach dem „Anschluss“ musste das Ehepaar seine Wohnung verlassen und fand bei der Familie Frischmann am Adolf­-Hitler-­Platz 7 (vormals Rathausplatz) Zu­flucht. Das Geschäft und die Waren hatten teils die Gestapo beschlagnahmt, teils mussten sie im Dorotheum abgegeben werden. Am 10. September 1939 mussten die beiden nach Wien 2, Taborstraße 44/3 zwangsübersiedeln. Sohn Robert hat­ te sich bereits am 13. September 1938 nach Budapest abgemeldet und konnte im August 1939 über Cherbourgh an Bord der S.S. New York in die USA fliehen. Ab 1942 diente er in der U.S. Army und stieg in den Rang eines Captain auf. Sein Bruder Kurt gelangte mit Hilfe des Palästina­-Amts in Wien nach Palästina/Erez Israel, heiratete 1948 und emigrierte 1958 in die USA. Die Brüder lebten bis zu ihrem Tod mit ihren Ehefrauen in Rhode Island, Robert wurde 95, Kurt 97 Jahre alt. Beide hatten keine Kinder.

Auf dem „Kladovo-Transport“

Joachim und Rachel schlossen sich am 25. November 1939 in Wien einem ille­galen Flüchtlingstransport von insgesamt 822 Personen an, der sie mit dem Zug nach Bratislava und von dort über die Donau und das Schwarze Meer nach Palästina bringen sollte. Da Rumänien die Einreise verweigerte und schließlich die Donau zufror, mussten alle im Hafenstädtchen Kladovo am Eisernen Tor auf den überfüllten Schiffen überwintern. Zwar wurden sie notdürftig von den jugoslawischen Kultusgemeinden versorgt, litten aber unter Platzmangel, Kälte und mangelhafter Ernährung und Hygiene, die vor allem im Sommer schwere Krankheiten verursachte. Am 18. September 1940 wurden die Flüchtlinge mit dem Schiff 300 km flussaufwärts in den Ort Šabac an der Save geschleppt und die älteren Erwachsenen privat, die Jugendgruppen in einer aufgelassenen Getreidemühle untergebracht. Im Jänner 1941 wuchs die Zahl der dort „Kon­zentrierten“ auf etwa 1400 Menschen an.

Am 6. April 1941 marschierten die deutschen Truppen in Jugoslawien ein, das am 17. April kapitulierte. Die Verfolgung der Juden und Jüdinnen in Serbien begann sofort. Šabac stand unter der Herrschaft von einem überwiegend aus Österreichern bestehenden Wehrmachtsregiment, das vorerst nur Zwangsar­beit organisierte. Bereits im August wurden jedoch als Vergeltung für Wider­ standsaktionen der Partisanen jüdische Flüchtlinge öffentlich gehängt. Am 11. Oktober 1941 wurden alle Männer des „Kladovo­-Transports“ von Soldaten abgeholt und in das im Bau befindliche KZ Zasavica getrieben. Die Hoffnung auf Überleben durch Zwangsarbeit erfüllte sich nicht: Joachim Chaim Willner gehörte zu der Gruppe, die am 12. Oktober erschossen wurde. Berichte und sogar Fotoaufnahmen von serbischen Zwangsarbeitern, die die Massengräber ausheben mussten, bezeugen die Massaker am 12. und 13. Oktober.

Auch Rachel Willner wurde nachweislich im Oktober 1941 – der Tag ist nicht bekannt – in Zasavica bei Šabac erschossen. Sie war damit eine Ausnahme, denn alle Frauen wurden in das völlig ungenügend ausgestattete KZ Sajmište deportiert und im Frühjahr 1942 in Gaswägen ermordet.

Erst am 4. Juni 1997 erhielten die Brüder Willner nach intensiver Nachfor­schung vom Sonderstandesamt Bad Arolsen (BRD) einen „Auszug aus dem Todesregister“, der die Ermordung ihres Vaters und ihrer Stiefmutter in Zasavica bestätigte.