Der 10. November 1938 

Die Ermordung des deutschen Botschaftsrats Ernst vom Rath in Paris durch den siebzehnjährigen Juden Herschel Grynszpan am 7. November 1938 war für Hitler ein willkommener Anlaß, den längst geplanten „spontanen Volkszorn“ gegen jüdische Gotteshäuser, Geschäfte, Wohnungen und Menschen zu mobilisieren.

Der Pogrom in St. Pölten verlief nach demselben Grundmuster wie in anderen Städten: Eine aufgeputschte Menge versammelte sich vor der Synagoge. Ein harter Kern, angeblich unter der Führung eines SS-Standartenführers aus Krems, begann die Zerstörung, an der sich schließlich zahlreiche Anwesende beteiligten. Die schweigende Mehrheit befand „Zielrichtung und Feindbilder des Pogroms, nicht aber alle seine Formen“ für richtig. (Gerhard Botz) 

In der Stadt und ihrer Umgebung wurden insgesamt 137 Juden im Alter zwischen 18 und 60 Jahren verhaftet, unter ihnen die Brüder Rudolf und Hermann Gelb. Sie wurden nach Wien und viele von ihnen in das KZ Dachau verbracht. Paradoxerweise rettete die Haft in Dachau vielen Juden das Leben, denn sie wurden unter Vorlage eines Visums und der Auflage entlassen, bis Jahresende auszureisen.

Die Verwüstung der Synagoge 

„Mitten in einer deutschen Stadt – und das ist doch Sankt Pölten, oder nicht? – erhebt sich da ein morgenländisches Gebäude, krause Schriftzeichen »zieren« seine Vorderfront und ein Stern erhebt sich auf der Kuppel, den wir in unserem Himmel gerne entbehren. Wenn dieser Bau einmal ohne Sinn und Zweck dasteht, und das wird er bald (es ist klar, hier ist die Ostmark beispielgebend), dann wird er einem »repräsentativen« Gebäude Platz machen!? Ist es uns gelungen, das Geschäftsleben in unserer Stadt von Fremden zu säubern, so müssen auch die äußeren Erscheinungen folgen.“ Diese unverhohlene Aufforderung zur Zerstörung der St. Pöltner Synagoge schrieb der St. Pöltner Anzeiger bereits am 5. November 1938.