A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

gelbleopold
Leopold
Gelb
01.03.1870
St. Pölten
19.05.1942
Lodz
Trafikant, Bahn-Pensionist
Ratzersdorf
Rathausgasse 1, Herrengasse 9, beide St. Pölten
6. Mai 1940 Zwangsumsiedelung nach Wien 2, später, Hans Sachs-Gasse 17/8 (5), Wien 18 am 23. Oktober 1941 nach Lodz, Richterstraße 4-6/24 deportiert
Samuel
Barbara
Löbl
Franziska
Fantl
Hugo
Frieda
Berthold


Steine der Erinnerung

steiner-gelb-1
steiner-gelb-2

 

Leopold Gelb

„Bezüglich der Judenvermögens­-Abgabe stelle ich höflichst das Ersuchen, den Kapitalswert meiner Pension, Rm [Reichsmark] 128.­ per Monat außer Kraft zu setzen. Diese Pension ist Anspruch auf mein Dienstverhältnis in der Zeit von 1. Mai 1896 – 31. Dezember 1923 der Reichsbahn in St. Pölten. Ergebenst, Reichsbahnpensionist Leopold Gelb“.

Auf den ersten Blick ist Leopold Gelbs Ersuchen vom Dezember 1938 an die Vermögensverkehrsstelle in Wien, seine Pension nicht in seine „Judenvermö­gens­Abgabe“ aufzunehmen, unverständlich. Fünf Monate davor, am 14. Juli 1938, hatte er diese Rente sowie eine Lebensversicherung bei „Allianz und Giselaverein Wien I.“ noch in sein Vermögensverzeichnis eingetragen. In der Zwischenzeit war die Pension jedoch von der Reichsbahn gestrichen worden und auch die Versicherungssumme hat Leopold Gelb nie erhalten. Weiteres Vermögen besaß er nicht.

Am 1. März 1870 als ältester Sohn von Samuel und Barbara, geb. Löbl, in St. Pöl­ten geboren, arbeitete Leopold Gelb also bei der Reichsbahn und wahrschein­ lich nach seiner Pensionierung als Trafikant, ein eigenes Geschäft ist aber nicht bekannt. Mit seiner Frau Franziska, geb. Fantl, hatte er drei Kinder. Als 1919 der jüngste Sohn Berthold mit nur 12 Jahren starb, widmeten ihm die Eltern die fol­gende Grabinschrift: „Unheilbar ist die Wunde, die dein früher Tod uns schlug. Unvergesslich ist die Stunde, wo man dich zu Grabe trug.“

Franziska starb 1930 mit 56 Jahren und ist wie ihr Sohn am jüdischen Friedhof St. Pölten begraben. Die beiden älteren Kinder Hugo und Frieda konnten bereits am 5. 12. 1938 gemeinsam in die USA fliehen.

Vermutlich aus materieller Not und Einsamkeit zog Leopold zu seinem Bruder Heinrich und dessen Frau Hermine in die Kremser Gasse 9. Mit seinem zweiten Bruder Wilhelm, Kaufmann in Ratzersdorf, und dessen Frau Mathilde erlebte Leopold die Zwangsumsiedlung nach Wien 2, später nach Wien 18, Hans Sachs­ Gasse 17/8. Alle drei wurden am 23. Oktober 1941 nach Polen in das Ghetto Lodz (Litzmannstadt), Richterstraße 4–6/24 deportiert. Zwischen April 1940 und August 1944 starben dort mehr als 43.000 Menschen an Hunger, Kälte, Typhus und Tuberkulose. Weitere 143.000 bis 145.000 Menschen wurden ab Jänner 1942 in Kulmhof/Chelmno in Gaswägen und ab 1944 in Auschwitz ermordet. Auf welche Weise Leopold am 19. Mai 1942 umkam, wissen wir nicht.

Sein Bruder Wilhelm überlebte noch bis 7. August desselben Jahres, Mathilde wurde am 11. September in Chelmno ermordet. Heinrich und Hermine Gelb sowie Schwester Franziska, verheiratete Weiss, waren im Februar 1941 nach Opole bei Lublin deportiert und ermordet worden. Ihnen wurde 2018 ein Stein der Erinnerung gesetzt.