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Ing.
Rudolf
Tintner
07.06.1878
Brünn
10.01.1945
Theresienstadt
Architekt und Stadtbaumeister
Dr. Karl Renner-Promenade 30, St. Pölten
Schulpromenade 30, Daniel Gran-Straße 24, Mühlweg 20 (alle St. Pölten)
2. September 1940 Umzug nach Riemergasse 2, Wien 1, später in die Fasangasse 14/6, Wien 3; am 10. März 1944 nach Theresienstadt deportiert
Ignaz Isak
Rosa
Tausky
Johanna Klara
Ludwig
Elisabeth
Rosa


Steine der Erinnerung

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Stadtbaumeister Rudolf Tintner

„Meine lieben Kinder, Eure Karten v. 21., 23. 4. u. 3. Mai erhielt ich am 9. 6. und habe mich sehr gefreut. Ebenso erhielt ich alle Päckchen. Ich schreibe Euch heute zum 3. Mal und hoffe, daß alle meine Karten angekommen sind. [...] Ich freue mich, daß ihr Euch wohl fühlt, was auch bei mir der Fall ist und hoffe, wieder bald von Euch Nachricht zu erhalten. Herzliche Grüße an Mutter, Poldi und Tanten. Euch beiden liebe Kinder herzinnigste Grüße und Küsse von Eurem Euch liebenden Vater.“

Diese optimistische Karte schrieb Rudolf Tintner, geboren am 7. Juni 1878 in Brünn, am 13. Juni 1944 aus dem KZ Theresienstadt an seine Töchter Rosa und Elisabeth, die ihn regelmäßig mit Nahrungsmitteln und anderen nützlichen Dingen versorgten. Als angesehener St. Pöltner Stadtbaumeister und bereits 1917 zum Katholizismus konvertierter Jude hatte er sich, wie seine Tochter Elisabeth am 5. Juli 1992 an das Institut für jüdische Geschichte Österreichs schrieb, „mit Händen und Füßen gegen eine Ausreise gewehrt“. 1907 hatte er in der Stadt ein Bauunternehmen gegründet und bedeutende Bauwerke, wie die Glanzstoff­-Fabrik, den Mühlhof und gediegene Wohnhäuser geschaffen. Auch um den Bau der Synagoge 1912 bemühte er sich. Die Ehe mit seiner nichtjüdi­schen Frau Johanna Klara Ruprecht, geborene Ludwig, wurde 1927 geschieden, die ältere Tochter Elisabeth wurde ihm zugesprochen und beide lebten am Mühlweg 20. Im November 1938 musste Tintner das Haus verlassen und zog zu seinem Bruder, Major Alfons Tintner, nach Wien 1, Wildpretmarkt 8. Seine vier Gewerbebetriebe wurden am 1. Jänner 1939 gelöscht, Teile der Liegenschaften „arisiert“. Bis zu seiner Deportation musste er weitere vier Mal die Wohnung wechseln.

Währenddessen bemühten sich seine Töchter nach Kräften, den Vater vor dem Verhängnis zu bewahren. Durch wiederholte Eingaben erreichten sie, dass er vom Tragen des Gelben Sterns befreit wurde, was einen gewissen Schutz be­deutete. Während eines Krankenhausaufenthalts im Wiener Rothschildspital geriet er schließlich in eine Razzia, doch rettete ihn in letzter Minute der Einsatz seiner Familie. Elisabeth berichtete: „Ich habe dies damals als wahre Gotteshilfe angesehen, denn es gelang in dem Augenblick, als ich auf unsere Erziehung bei den Englischen Fräulein hinwies. Möglicherweise ist die dort lebende Mater Brunner eine Schwester des gefürchteten [Alois] Brunner gewesen. Gemeinsam mit meiner Schwester, die ebenfalls Eingaben machte, haben wir viermal unse­ren Vater vor Verschickungen befreit bzw. aus den Auffanglagern herausgeholt. Dies geschah immer durch Brunner. Wir hofften, den Vater, der Österreich ab­ solut nicht verlassen wollte, über die Kriegszeit zu retten.“

Besonders bedrohlich wurde die Lage, nachdem Tintner seiner Schwägerin Margit, Frau seines Bruders, des Generalstabsarztes Dr. Fritz Tintner, nach des­ sen Tod am 18. Jänner 1943 zur Flucht nach Ungarn verholfen hatte. Seit 24. April 1943 war sie deshalb aus dem Altersheim der IKG Wien in der Seegasse 9 „abgängig“. Tragischerweise war das Wagnis vergeblich, sie wurde ein Opfer der Nationalsozialisten und 1948 für tot erklärt. „Ich bin überzeugt davon“, schrieb Elisabeth, „dass die Rettungsaktion des Vaters für ihn sehr schlimme Folgen hatte. [...] Ich versuchte wieder alles, war sogar in dem schrecklichen Bluthaus am Morzinplatz, aber Brunner war unauffindbar.“ Elisabeths mutiger Besuch im Gestapo­-Hauptquartier war erfolglos: Am 19. März 1944 wurde Rudolf Tintner von seiner letzten Wohnung in Wien 3, Fasangasse 14/6 nach Theresienstadt deportiert, jedoch ständig liebevoll von seinen Töchtern mit Paketen versorgt. Sein dort geführtes Tagebuch, ein einfaches graues, mit Bleistift beschriebenes Schulheft, konnte noch nicht ausgewertet werden. Er notierte darin Alltägliches wie Wetterlage, Mahlzeiten und den Inhalt der Pakete, aber auch Verlautbarun­gen des Judenrates – eine wertvolle Quelle nicht nur zum Schicksal des Verfas­sers, sondern auch zur Erforschung des Lagerlebens. Rudolf Tintners Expertise im Bauwesen verschaffte ihm auch in Theresienstadt Arbeit. Seine Nachrichten vermitteln Zufriedenheit und Optimismus, sollten jedoch in dem Wissen um die Zensur und in Anbetracht der Absicht gelesen werden, die Töchter nicht zu beunruhigen.

„Er ist leider am 10. Jänner 1945 in Theresienstadt zu unserer größten Trauer ei­nem Herzschlag erlegen. Meine Schwester und ich erhielten seine Urne und wir haben ihn gemeinsam am Zentralfriedhof in österreichischer Erde begraben.“ Auch Rudolfs Bruder Artur, geboren 1872, und dessen Frau Elsa wurden nach Theresienstadt deportiert. Aus den Deportations­ und Sterbedaten ist zu schlie­ßen, dass sich die Familienmitglieder dort noch wiedersahen.