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Ing.
Rudolf
Tintner
07.06.1878
Brünn
10.01.1945
Theresienstadt
Architekt und Stadtbaumeister
Dr. Karl Renner-Promenade 30, St. Pölten
Schulpromenade 30, Daniel Gran-Straße 24, Mühlweg 20 (alle St. Pölten)
2. September 1940 Umzug nach Riemergasse 2, Wien 1, später in die Fasangasse 14/6, Wien 3; am 10. März 1944 nach Theresienstadt deportiert
Ignaz Isak
Rosa
Tausky
Johanna Klara
Ludwig
Elisabeth
Rosa
Ing. Rudolf Tintner, Vater von Rosa R., kam 1907 als Architekt nach St. Pölten, gründete mit einem Kompagnon eine Baufirma und errichtete unter anderem das Haus Dr. Karl Renner Promenade 30, den Mühlhof und baute für die Glanzstoff-Fabrik. 1912 bewarb sich für den Bau der Synagoge, war aber assimiliert und hatte wenig Kontakt zur jüdischen Gemeinde. 1917 konvertierte er zum Katholizismus. Nach dem „Anschluss“ musste er aus dem Haus an der Promenade ausziehen und in den Mühlhof übersiedeln, wo er bei einer Sekretärin seiner Baufirma wohnen konnte. Seine Tochter Rosa berichtete:
„Da ist er dann dort eingezogen und einmal hat er angerufen, da waren wir schon verheiratet, mein Mann und ich, da hat er angerufen und hat gesagt, bitte, vielleicht kann mein Schwiegersohn kommen, sie schlagen bei mir die Fenster ein, und mein Mann ist dann natürlich gekommen und ist dann bei ihm geblieben und dadurch, daß mein Mann dort war, habens dann eine Ruh gegeben.“

Am 2. September 1940 meldete sich Rudolf Tintner nach Wien ab, wo er bei seinem Bruder Major Alfons Tintner lebte. Dieser verschaffte ihm und seiner zweiten Tochter Elisabeth eine Einreisegenehmigung nach Schottland, wo diese später einen Hebammenkurs machen und in schottischen Dörfern arbeiten sollte. Von der Verpflichtung, den Gelben Stern zu tragen, war er durch eine Reihe von Eingaben seiner Töchter befreit worden. Da sich Rudolf, inzwischen schwer erkrankt, gegen eine Emigration wehrte und inzwischen der Krieg ausbrach, kam eine solche nicht mehr zustande.

Als Tintner im Rothschildspital festgenommen wurde und deportiert werden sollte, suchte Elisabeth gemeinsam mit ihrem Schwager Karl R. Alois Brunner in der Zentralstelle für jüdische Auswanderung auf, und tatsächlich erreichten seine Freilassung:

„Ich habe dies damals als wahre Gotteshilfe angesehen, denn es gelang in dem Augenblick, als ich auf unsere Erziehung bei den Englischen Fräulein hinwies. Möglicherweise ist die dort lebende Mater Brunner eine Schwester des gefürchteten Brunner gewesen. Gemeinsam mit meiner Schwester, die ebenfalls Eingaben machte, haben wir viermal unseren Vater vor Verschickungen befreit, bzw. aus den Auffanglagern herausgeholt. Dies geschah immer durch Brunner. Wir hofften, den Vater, der Österreich absolut nicht verlassen wollte, über die Kriegszeit zu retten.“

Rudolf Tintners älterer Bruder, Generalstabsarzt Dr. Fritz Tintner, war als hochdekorierter k. u. k. Offizier geschützt. Als er starb, befand sich allerdings seine Frau in großer Gefahr. Rudolf Tintner gelang es, sie nach Ungarn zu schleusen, wo sie jedoch in einem Lager ermordet wurde. Wahrscheinlich als Folge dieser „Rettungsaktion“ wurde er selbst bald darauf, am 10. März 1944, nach Theresienstadt deportiert.

Elisabeth versuchte wiederum, ihren Vater freizubekommen, was aber nicht mehr gelang. Sie schickte ihm sofort einen Brotlaib hinterher und übersandte täglich die erlaubte Menge an Lebensmitteln. „Er hat jeden Tag, jeden Tag, und wenn es etwas Eingebranntes war oder wenn es Schmalz war, er hat soviel Sachen bekommen, daß er immer wieder getauscht hat. Da konnte er sich Verschiedenes dort besorgen.“ Am 13. Juni 1944 schrieb er an seine Tochter Elisabeth:

„Meine lieben Kinder, Eure Karten v. 21., 23. 4. u. 3. Mai erhielt ich am 9. 6. und habe mich sehr gefreut. Ebenso erhielt ich alle Päckchen. Ich schreibe Euch heute zum 3. Mal und hoffe, daß alle meine Karten angekommen sind. Wir hatten bisher außer den Pfingsten kühles Wetter. Durch meine Beschäftigung vergeht mir die Zeit sehr rasch. Der Striezel schmeckte recht gut, ebenso waren mir die schwarze u. braune Schuhwichse und die Schuhbänder recht. Ich freue mich, daß ihr Euch wohl fühlt, was auch bei mir der Fall ist und hoffe, wieder bald von Euch Nachricht zu erhalten. Herzliche Grüße an Mutter, Poldi und Tanten. Euch beiden liebe Kinder herzinnigste Grüße und Küsse von Eurem Euch liebenden Vater.“

In Theresienstadt wurde Rudolf Tintner zu Bauarbeiten herangezogen und war aus unbekannten Gründen auch kurz in Haft. Am 10. Jänner 1945 starb er an einem Herzschlag. Ehemalige Mithäftlinge überbrachten den Töchtern die Urne, die die beiden eigenhändig am Zentralfriedhof in Wien beisetzten.