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Isidor
Reiß
Reiss, Reisz
13.07.1875
St. Pölten
Wlodawa
Kaufmann
Linzerstraße 13, St. Pölten
29. September 1939 nach Margaretenstraße 52, Wien 4 abgemeldet, später in die Fasangasse 14, Wien 3 übersiedelt; am 27. April 1942 nach Wlodawa deportiert
Adolf
Pauline
Kohn
Irma
Frank
Harry Adolf
Katharina Edith
Isidor Reiss betrieb eine Gemischtwarenhandlung. Sein Sohn Abraham, früher Harry, berichtete über seine Schulzeit in St. Pölten: 
„Natürlich hab’ ich auch Freunde gehabt unter den Schülern, die sind auch zu uns nach Hause gekommen, wir haben miteinander gespielt. Das waren die Jahre 28 bis 32. Da waren ganz gute Verhältnisse zwischen der arischen und der jüdischen Bevölkerung. Aber man muß in Betracht ziehen, daß ich sechs Jahre alt war. […] Wie ich im 32er Jahr bis zum 36er Jahr ins Gymnasium gegangen bin, […] da bin ich sehr viel mit nichtjüdischen Jugendlichen zusammen gewesen, aber ist es immer schwerer geworden. 
Oder vielleicht, wenn ich älter geworden bin, hab ich mehr antisemitism gespürt, oder es hat sich etwas geändert in Österreich.“ Harry Reiss bezeichnete seine Familie als „säkular-religiös-traditionell. Schabbat ist man in die Synagoge gegangen. Mein Vater war auch Vorstand, nicht der Kultusgemeinde, das war mein Großvater, mein Vater war Vorstand in der Chewra Kadischa und er hat auch einen Ehrenplatz gehabt in der Synagoge. Zu dem großen Feiertag [Jom Kippur] sind wir immer in die Synagoge gegangen und haben gefastet. Aber nach dem Fasten hat man Schinken gegessen. […] Man hat mich erzogen, es gibt Gott, aber nicht fanatisch. Es ist sehr schade, daß das heute anders ist.“ 

Am 11. April 1938 wurde über Isidor Reiss’ Vermögen ein Ausgleichsverfahren eröffnet, am 29. Juni wurde Anton Specht zum kommissarischen Verwalter bestellt, am 5. Dezember wurde die Firma gelöscht. Haus und Grundstück waren am 29. September 1938 von Josef Franzl „arisiert“ worden. Das Ehepaar Reiss wurde am 27. April 1942 nach Wlodawa deportiert.

 

Steine der Erinnerung

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Isidor Reiss und seine Frau Irma, geb. Frank

„Wissen Sie, wohin Ihre Familie deportiert worden ist? – Nein. – Wollen Sie es wissen, soll ich es für Sie herausfinden? – Ja.“ (Abraham Harry Reiss, Interview mit Martha Keil, Kirjat Malachi, Israel, 3. 8. 1997)

Isidor „Isi“ Reiss, am 13. Juli 1875 in St. Pölten geboren, war der einzige Sohn von Adolf Abraham Reiss und Pauline, geborene Kohn. Drei Brüder starben als Kleinkinder, seine vier Schwestern erreichten das Erwachsenenalter. Verheiratet war er mit der am 21. Mai 1887 in Viehofen geborenen Irma, Tochter von Karl Frank und Mathilde, geborene Duschak. Isidor war vielseitig engagiert: Wie die St. Pöltner Zeitung berichtete, gewann er beim Festschießen der Schützenkompanie St. Pölten am 1. Juni 1913 drei Preise. Er diente im Ersten Weltkrieg und im November 1917 unterstützte er die „Aktion zur Rettung der verlassenen Kinder Galiziens“ mit 30 Kronen. Er war Mitglied des „Humanitären Geselligkeitsvereins Frohsinn, St. Pölten“ und als Vorstand der Chewra Kadischa, der Beerdigungsgemeinschaft, hatte er in der Synagoge einen Ehrenplatz.

Schon sein Vater hatte in der Linzer Straße 13 einen Handel mit Konfektionswaren und Getreide gegründet, den Isidor zuerst mit ihm gemeinsam und ab 1921 alleine weiterführte. Isidor war auch Leitungsmitglied im Gremium der Kaufmannschaft St. Pölten – ein angesehener Bürger der Stadt.

Ab 1929 war Irma im Betrieb als Prokuristin tätig und auch sie engagierte sich auch außerhalb der jüdischen Gemeinde. Als Mitglied der Frauenhilfsgruppe des Roten Kreuzes betreute sie Kinder, deren Mütter auswärts arbeiten mussten.

Nach dreizehn Jahren Ehe stellte sich der ersehnte Nachwuchs ein: Die Kinder Katharina Edith, genannt Ditta, geb. 1921, und Harry Adolf, geb. 1922, engagierten sich in der jüdischen Jugend, Ditta im zionistischen Verein Betar, Harry in der sozialistischen „Gordonia“. Harry Reiss bezeichnete seine Familie als „säkular-religiös-traditionell“: „Zum großen Feiertag [Versöhnungstag] sind wir immer in die Synagoge gegangen und haben gefastet. Aber nach dem Fasten hat man Schinken gegessen. [...] Man hat mich erzogen, es gibt Gott, aber nicht fanatisch. Es ist sehr schade, dass das heute anders ist.“

Bereits ein Monat nach dem „Anschluss“, am 11. April 1938, wurde über Isidor Reiss’ Vermögen ein Ausgleichsverfahren eröffnet, am 29. Juni Anton Specht zum kommissarischen Verwalter bestellt und am 5. Dezember wurde die Firma gelöscht. Haus und Grundstück waren am 25. Oktober 1938 vom Nachbarn Josef Franzl „arisiert“ worden, zu einem fairen Kaufpreis, wie er später betonte, der jedoch nicht dem Schätzwert entsprach. Ein Drittel des Erlöses ging allerdings auf ein Sperrkonto und nicht an die unfreiwilligen Verkäufer, die sich, wie am 17. 11. 1938 sogar die Vermögensverkehrsstelle bemerkte, „keineswegs in guten Verhältnissen befinden“. Laut Franzls Angaben wohnte die Familie Reiss noch ein Jahr mit ihm im inzwischen „arisierten“ Haus, bis sie sich am 29. September 1939 nach Wien 4, Margaretenstraße 52 und später nach Wien 3, Fasangasse 14 abmeldete. Von dort wurden Isidor und Irma am 27. April 1942 nach Wlodawa deportiert und entweder gleich bei der Ankunft oder später in Sobibor ermordet.

Harry und Ditta entkamen rechtzeitig, er floh bereits am 4. Oktober 1938 über Triest nach Palästina/Erez Israel, sie am 12. März 1939, genau an ihrem 18. Geburtstag, nach Schottland. Nach dem Krieg bemühte sie sich, von Josef Franzl das Haus zurück zu erhalten, ließ sich aber von seiner Hilfsbedürftigkeit verleiten, auf Entschädigung zu verzichten. Harry hatte seit 1940 nichts von den Eltern gehört und war auch nie offiziell von deren Tod benachrichtigt worden: „Für mich war das ein Trauma. Als Verteidigung hab’ ich mich abgeschlossen. Ich hab’ nicht gewusst, wo St. Pölten ist, ich hab’ nicht gewusst ... ich wollte nicht. Ich hab’ mich nicht erinnert.“

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