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Ludwig
Herlinger
12.03.1904
St. Pölten
08.05.1945
Auschwitz
Beamter
Lederergasse 10, St. Pölten
Herrengasse 2, St. Pölten
17. September 1938 Wien, flieht nach Belgien, Luxemburg und wird in Frankreich verhaftet; in Gurs und Noe inhaftiert, bevor er am 28. August 1942 von Drancy nach Auschwitz deportiert wurde
Maximilian
Ernestine
Schling
Berta
Weiß
Lilly Mathilde
Der Beamte Ludwig Herlinger verlor mit dem „Anschluss” „durch die politischen Verhältnisse” seinen Arbeitsplatz und bezog bis 25. August 1938 Arbeitslosenunterstützung in Höhe von RM 14,40. Zudem hatte er für seinen siebzigjährigen Vater Max zu sorgen, der Kriegsinvalide, taub und ohne Rente war und daher von der Kultusgemeinde eine Unterstützung in Höhe von RM 14,66 erhielt. Die Familie Herlinger bezahlte etwa RM 14 - 18 im Monat Miete. Ludwig Herlinger wollte auswandern, sah sich aber außerstande, seinen Vater aufgrund dessen körperlicher Verfassung mitzunehmen, weswegen er die IKG St. Pölten darum ersuchte, Max Herlinger im jüdischen Altersheim in der Seegasse in Wien unterzubringen.

Ludwig und Berta Herlinger gingen mit ihrer Tochter Lilly am 17. September 1938 nach Wien, Max Herlinger meldete sich am 31. März 1939 nach Wien 2, Große Schiffgasse 3 ab. Wenige Wochen später hielt sich Ludwig Herlinger bereits in Brüssel auf und bat die IKG St. Pölten aufgrund seiner tristen Lage um die Ausstellung eines Leumundszeugnisses, was diese ablehnte, „da uns bekannt ist, dass Sie sich bereits vor Ihrer Abreise widerrechtlich ein Empfehlungsschreiben selbst ausgestellt haben.” Max Herlinger wurde am 14. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Ludwig Herlinger am wurde am 28. August 1942 von Drancy nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Ehefrau Berta und Tochter Lilly wurden am 31. Juli 1943 von Malines nach Auschitz deportiert und ermordet.

Als Todestag der drei wurde der 8. Mai 1945 festgelegt.

 

Steine der Erinnerung

herlingerb1-kopie

 

Maximilian Herlinger, sein Sohn Ludwig mit Berta, geb. Weiss, und Tochter Lilly Mathilde

„Ich bin von Beruf Privatbeamter, mein Vater ist Kriegsinvalide, bin völlig mittellos und seit März 1938 arbeitslos und beziehe RM (Reichsmark) 14,40 pro Woche Arbeitslosenunterstützung. Auch meine Frau besitzt keinerlei Vermögen.“ (Verzeichnis über das Vermögen von Juden von Ludwig Herlinger, 1. 7. 1938)

Ludwig Herlingers Vermögensanmeldung gibt kein Vermögen an, und auch die seines Vaters Maximilian enthält nur den Satz: „Ich bin Kriegsinvalide, fast gänzlich taub, völlig mittellos. Im Jahre 1937 habe ich insgesamt durch die Vermittlung S 200.– verdient.“ Beide Eingaben wurden von den NS-Behörden mit dem Stempel „Nicht anmeldepflichtig“ versehen.

Maximilian Herlinger wurde am 15. Jänner 1864 in Tucap/Tabor (Böhmen) als Sohn von Josef und Anna, geb. Metzl, geboren. Er war Händler und scheint es nie zu Wohlstand gebracht zu haben. Als er 1901 im alten St. Pöltner Bethaus Ernestine, geb. Schling, heiratete, wohnte er noch in Krems. Bereits zu diesem Zeitpunkt gehörte er der k.u.k. Landwehr an; durch welches Kriegsereignis er seine Taubheit erlitt, ist nicht zu klären.

Am 12. März 1904 wurde Sohn Ludwig, benannt nach dem Großvater mütterlicherseits, geboren und die kleine Familie lebte im selben Haus wie Ernestines unverheiratete Schwester Mathilde Schling in der Lederergasse 10. Mathilde verstarb am 17. März 1928 und drei Jahre später, am 1. März 1931, starb mit 71 Jahren auch Ernestine und wurde im Grab ihrer Schwester auf dem jüdischen Friedhof in St. Pölten beerdigt. Die Inschrift folgt dem traditionellen jüdischen Totensegen: „Ihre Seelen mögen eingehen im Bund des Lebens mit den Seelen aller Frommen und Edlen“.

Im Oktober 1928 heiratete Ludwig in St. Pölten Berta Weiss, geboren am 28. Jänner 1904 in Zabokreky (Slowakei). Ihre am 23. August 1929 geborene Tochter Lilly erhielt im zweiten Namen den ihrer Tante Mathilde; diese Nachbenennung ist ebenfalls ein Hinweis auf die jüdische Verwurzelung der Familie.

Die ohnehin bescheidene wirtschaftliche Lage verschlechterte sich nach dem „Anschluss“ dramatisch. Als Beamter wurde Ludwig Herlinger arbeitslos und auch seine kleine Arbeitslosenunterstützung wurde, wie für alle Juden, im August 1938 gestrichen. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) St. Pölten unterstützte zwar seinen Vater, doch konnte damit gerade die Miete bezahlt werden. Das hohe Alter und die Gebrechlichkeit seines Vaters hinderten Ludwig, die Auswanderung der Familie zu organisieren. Er ersuchte daher die IKG, Maximilian im Altersheim der Kultusgemeinde Wien in Wien 9, Seegasse 9, unterzubringen, und meldete sich mit Frau und Tochter am 17. September 1938 nach Wien ab. Zumindest Ludwig befand sich bereits wenige Wochen später in Brüssel, denn er ersuchte von dort aus die IKG St. Pölten, ihm ein Leumundszeugnis auszustellen. Diese lehnte ab, denn er hatte sichtlich vor seiner Flucht mit dem Briefpapier der IKG für sich selbst ein Empfehlungsschreiben verfasst. Wann sich die Wege der Familie trennten, ist nicht zu rekonstruieren. Ludwig war jedenfalls im Lager Gurs (Frankreich, nördlich der Pyrenäen) und in Noé (südlich von Toulouse) inhaftiert, bevor er am 28. August 1942 aus dem Sammel- und Durchgangslager Drancy (bei Paris) nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Auch seine Frau Berta und seine Tochter Lilly Mathilde wurden in Auschwitz ermordet. Allerdings wurden sie erst am 31. Juli 1943 aus dem Lager Mechelen (Provinz Antwerpen, Belgien) in das Vernichtungslager deportiert.

Der 70jährige gehörlose Maximilian Herlinger musste am 31. März 1939 in das improvisierte Altersheim in Wien 2, Große Schiffgasse 3 zwangsübersiedeln. Am 14. Juli 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert und zwei Monate später, am 21. September, nach Treblinka überstellt. Falls er den Transport überlebt haben sollte, wurde er vermutlich unmittelbar nach der Ankunft in die Gaskammer geschickt oder erschossen. In diesem größten der NS-Vernichtungslager wurden zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 mindestens 870.000 Menschen ermordet.

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