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Robert
Baruch
26.06.1908
St. Pölten
Auschwitz
Beamter
Wienerstraße 42, St. Pölten
27. Juli 1938: Zwangsumsiedlung nach Wien, Flucht über Italien nach Frankreich, in Marseilles verhaftet und nach Drancy überstellt. Am 28. August 1942 nach Auschwitz deportiert
Adolf
Hermine
Gelb


Steine der Erinnerung

baruchrobertstein


Robert Baruch

„Der Gefertigte ersucht höflich um die Ermäßigung seiner Kultussteuer­Vor­ schreibung für das Jahr 1936 und begründet sein Ansuchen damit, dass er mit seinem Einkommen in weitgehendem Masse sowohl für seine Eltern als auch für seinen schon jahrelang arbeitslosen Bruder zu sorgen hat.“

Dieses am 12. Dezember 1935 verfasste Ersuchen von Robert Baruch an den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde St. Pölten wurde abgewiesen. Robert Baruch, am 26. Juni 1908 in St. Pölten als Sohn des Hilfsarbeiters Adolf Baruch und dessen Frau Hermine, geb. Gelb, geboren, war Beamter und lebte gemeinsam mit seinem Vater und seiner Stiefmutter Regina, geb. Hirschl, in der Wienerstraße 42. Seine Mutter war bereits 1926 gestorben, sein Bruder Sieg­fried, 1909 geboren, arbeitete ab 1929 in St. Pölten, Neugebäudeplatz 9a, als Friseur bzw. dürfte laut Roberts Schreiben zeitweise arbeitslos gewesen sein.

Die Familie Baruch verließ am 27. Juli 1938 St. Pölten und floh zuerst nach Ita­ lien, dann weiter nach Frankreich. Die genauen Stationen von Vater Adolf sind nicht bekannt, er überlebte, starb aber, durch die Aufregungen der Verfolgung erkrankt, bereits Anfang 1946 in Nizza, Quartier du Pol. Seine Frau Regina über­ lebte das Lager in Gurs, das Gefängnisspital in Nizza und danach ein Versteck. Ihr Sterbedatum ist noch nicht bekannt.

Auch Siegfried überlebte die Internierung in den Lagern Les Milles, Saint Nico­ las und der Caserne d‘Auvare in Nizza, gründete eine Familie und zog nach dem Tod seiner Frau zu seiner Tochter in die USA. Er starb 1982 in Denver, Colorado.

Erst durch die 2014 publizierten Forschungen des italienischen Historikers Pao­ lo Veziano wurde bekannt, dass Robert Baruch und eventuell auch sein Bruder Siegfried eine wichtige Rolle in der Fluchthilfe für Jüdinnen und Juden von Italien nach Frankreich gespielt hatten. Nachdem Italien am 27. Februar 1939 ein sechs Monate gültiges sogenanntes Touristenvisum eingeführt hatte, waren nämlich etwa 4.000 jüdische Flüchtlinge eingereist, fast allen gelang die illegale Weiterreise nach Frankreich. Ein Drittel bis die Hälfte stammte aus Österreich, in 400 Fällen ist der illegale Grenzübertritt dokumentiert.

Robert Baruch lebte einige Zeit mit Unterstützung der dortigen jüdischen Gemeinde in Meran, die auch seine weitere Flucht finanzierte, und schloss Freundschaft mit jüdischen Flüchtlingen. Nach seiner geglückten Flucht schick­ te er am 2. Juli 1939 an die Familien Spitzer und Rosenfelder in Meran einen ausführlichen Brief mit der Skizze eines Fluchtwegs, der künftigen Flüchtlin­gen die Orientierung erleichtern sollte. Dieser führt ausgehend von dem Dorf Grimaldi di Ventimiglia über steile Serpentinen an die italienische Grenze und in die kleine französische Stadt Menton mit ihrem Hafen Garavan. Diesen Weg benützen freiwillig und unfreiwillig Wandernde, darunter auch afrikanische Flüchtlinge, noch heute.

In seinem fünfseitigen Schreiben schilderte Robert Baruch, wie er in Meran mögliche Fluchthelfer ansprach, über den Schlepperpreis von zuerst 3.000 und schließlich 200 Lire für einen Transport auf dem Boot über das Ligurische Meer verhandelte und sich für eine eigenständige Flucht über den Landweg entschied. Er trat den 4,5 km langen und durchaus gefährlichen Pfad ohne kundige Führung an und hoffte auf die Hilfe der italienischen Grenzbeamten, deren Solidarität mit den Flüchtlingen er lobte. Einige Informationen scheint Baruch durch Abkürzungen verschlüsselt zu haben, doch es kann, wie Vezia­no schreibt, vermutet werden, dass jeder hilfreiche Grenzbeamte, dem diese Skizze gezeigt wurde, den richtigen Weg weisen konnte. Für die Grenzmiliz war diese Hilfsbereitschaft allerdings auch die Möglichkeit, unerwünschte Migran­ten ohne Aufwand aus dem Land zu schaffen bzw. sich mit Schmiergeldern ihr Gehalt aufzubessern. Baruch erwähnt einige Familien, die sich ebenfalls bereits in Menton befanden – ob sie mit seiner Hilfe oder auf andere Weise geflüchtet waren, wird aus seinem Schreiben nicht klar.

Kurz darauf, ab 1. August 1939, änderte das italienische Innenministerium seine Flüchtlingspolitik und drohte mit Abschiebung. Im Zuge der Maßnahmen ge­ gen das Schlepperwesen wurde auch die Post der jüdischen Gemeinde Meran kontrolliert. Der zuständige Bozener Präfekt Guido Broise wurde auf das lange Schreiben mit der auffälligen Bleistiftskizze aufmerksam und ließ eine italieni­ sche Übersetzung anfertigen, die mitsamt der originalen Zeichnung erhalten ist. In den folgenden Monaten wurden zahlreiche jüdische Flüchtlinge in Venti­ miglia und anderen Grenzorten angehalten, in Lagern interniert und schließlich in die Vernichtung deportiert.

Robert Baruch ist das einzige Shoah-­Opfer seiner Familie. Er wurde in Marseille verhaftet, in das Sammellager Drancy überstellt und am 28. August 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.